Eine kleine Geschichte zum Valentinstag

Das Vögelchen Ildiko

Im Garten von Heumanns saß einst ein wunderschönes, buntes Vögelchen, das herrlich singen konnte. Zwischen seinem Gesang rief es: „Ich heiße Ildiko. Ich heiße Ildiko.“ Da Herr Heumann vermutete, dass das Vögelchen sprechen konnte, fragte er: „Ei, wo kommst du denn her? Kannst so schön singen.“ Das Vögelchen antwortete nur: „Ich heiße Ildiko. Ich heiße Ildiko“ und sang weiter seine wunderschönen Lieder. So kam es zwei Tage, drei Tage, es kam den ganzen Sommer über zu Heumanns in den Garten und sang. Jeder Auftritt von Ildiko brachte den Heumanns gute Laune, deshalb beschlossen sie Ildiko zu fangen und über den Winter in einen Käfig zu sperren, damit sie gerade in der trüben Jahreszeit nicht auf den Gesang verzichten mussten. So begannen sie Ildiko mit dem leckersten Futter zu verwöhnen und an sich zu binden. Sie kauften sogar exotische Beeren in der Stadt um sie Ildiko anzubieten. Das Vögelchen nahm auch alles gerne an und sang dafür noch eine zweite Runde. Es kamen sogar schon Nachbarn und Menschen aus der Stadt um dem Gesang von Ildiko zu lauschen.
Es wurde Herbst, die Tage kühler und die Heumanns befürchteten Ildiko würde sich eine neue, wärmere Heimat suchen, so wie sie es von diesen bunten Singvögeln eigentlich kannten. Herr Heumann besaß aus seiner Zeit als er noch gerne Schmetterlinge fing einen Kescher. Diesen wollte er nehmen um Ildiko beim Futter zu überraschen und einzufangen. Sie besorgten einen großen Käfig, in dem sie Ildiko halten wollten. Sie räumten das ganze Wohnzimmer um, damit Ildiko den schönsten Platz im Hause, nämlich an dem großen Fenster, das den Blick in den Garten führte, hatte.
Morgen, morgen sollte es geschehen. Morgen wenn Ildiko kam, wollte Herr Heumann das Vögelchen fangen. Alles war bereit für diesen Tag. Der Käfig stand am Fenster und wartete auf seine Beute aber Ildiko kam nicht. Sie kam auch an dem darauffolgenden Tag nicht, sie kam den ganzen Winter nicht. Heumanns machten sich Vorwürfe, sie hatten zu lange gewartet mit ihrer Aktion. Das Vögelchen war schon in weiter Ferne und würde vielleicht nie wieder zurückkommen und ihr Herz beglücken. Heumanns waren traurig. Den ganzen Winter über konnten sie sich nicht verzeihen, nicht früher gehandelt zu haben. Wie schön es doch war als das Vögelchen im Sommer kam und ihnen neue Kraft und Freude brachte. Nun lebten sie wieder in ihrer alten Gewohnheit. Sie fütterten die Maisen im Winter zwar vermehrt aber das war kein Ersatz für die schöne Ildiko mit ihrem Gesang. Vielleicht war sie auch tot, von einer Katze gefangen, so dacht Frau Heumann und wurde immer trauriger. Manchmal wollte sie morgens nicht mehr aufstehen und Herr Heumann musste sie zum Arzt fahren, da er befürchtete sie sei krank. Aber der Arzt konnte nichts feststellen außer, dass sie an der Seele leide und er empfahl ihr Tabletten einzunehmen, damit das nicht schlimmer würde. Das tat Frau Heumann auch, sie nahm die Tabletten, wie verschrieben. Sie konnte jetzt wieder aufstehen und ihren Pflichten nachgehen aber alles wurde irgendwie gleichgültiger. Auch das Vögelchen Ildiko verlor an Bedeutung. Nach einigen Wochen hatte sie das Vögelchen und ihre Freude darüber schon fast vergessen. Alles was sie tat, machte sie ohne ihr Innenleben, rein mechanisch, weil es die Äußerlichkeiten so verlangten. Sie war dem Leben ohne Höhen und Tiefen zunehmend angepasst. Sie klagte nur noch über die faulen Kartoffeln, die sie gestern im Supermarkt gekauft hatten und deren Faulstellen man durch die Papierverpackung nicht sehen konnte. „Die Netze für die Kartoffeln waren besser. Auch wenn die Kartoffeln dann nicht so dunkel gelagert waren, wie in der Tüte“; meinte sie zu ihrem Mann. So ging es tagein, tagaus.
Der Winter plätscherte mit den Tabletten, die Frau Heumann nahm dahin. Wenn Herr Heumann seine Frau jeden Tag so erlebte, ärgerte er sich schon, dass sie Ildiko zu fangen, verpasst hatten. Mit dem Vögelchen in dem großen Käfig im Wohnzimmer, wäre das mit seiner Frau sicherlich nicht passiert. Der Käfig stand noch immer an dem Platz, an dem Ildiko ihnen etwas vorsingen sollte. Seine Frau wollte nicht, dass er entfernt wurde. Statt des Vögelchens stieg sie täglich selbst in den Käfig, denn er war Manns hoch, um alles zu reinigen, so als wäre ein Vogel über Nacht darin gewesen und hätte ihn beschmutzt. Eigentlich wunderte das Herrn Heumann, denn seine Frau sprach nie mehr in dem Winter von Ildiko. Sie stieg nur täglich in den Käfig um ihn zu säubern.
Eines Morgens als Frau Heumann in den Käfig stieg, machte sie von innen die Türe zu und begann zu zwitschern wie ein Vogel. Herr Heumann war überrascht und beängstigt zugleich. Waren das Nebenwirkungen von den Tabletten, die sie einnahm? Es kam noch schlimmer, sie machte dies jetzt jeden Morgen zur gleichen Zeit. Sie musste sogar dafür aufstehen auch wenn sie eigentlich länger hätten schlafen können. Er traute sich gar nicht, das irgendjemandem zu erzählen, so peinlich war es ihm. Nicht genug, dass der Käfig noch da stand, jetzt saß seine Frau darin, denn sie hatte sich einen Stuhl hineingestellt und sang. Herr Heumann lobte seine Frau täglich, wie schön sie zwitschern könne obwohl er diese Anwandlungen sehr beängstigend fand. Das erinnere ihn an Ildiko, meinte er zu ihr.
In der dritten Woche, in der seine Frau jetzt jeden Morgen im Käfig saß und pfiff, rief sie plötzlich: „Ich bin Ildiko. Ich bin Ildiko.“
Herr Heumann war vor Schreck erstarrt. Als er zur Besinnung kam, fiel ihm nichts anderes ein, als nachzulesen, was die Tabletten, die sie einnahm für Nebenwirkungen hatten. Er ging und suchte die Packung in ihrem Medikamentenschrank im Bad. Er fand sie und musste mit Entsetzen feststellen, dass seine Frau die Einnahme schon vor längerer Zeit abgesetzt hatte. Jetzt hatte er Not und musste sie daraufhin ansprechen. Er ging zurück ins Wohnzimmer und fand seine Frau noch genauso vor, wie er es verlassen hatte. „Ich bin Ildiko. Ich bin Ildiko,“ rief sie noch immer und pfiff dazwischen. Ihr Pfeifen hatte auch schon andere Töne angenommen als zu Beginn dieser Tragödie. Es kam dem Zwitschern eines Vogels tatsächlich immer näher. Herr Heumann war ratlos, was sollte er tun. Gut, sie tat niemandem etwas aber sie schien doch verrückt geworden zu sein. Jedenfalls war das nicht mehr normal. Er unternahm nichts, denn sie tat ja wirklich niemandem etwas und irgendwann konnten man ihren Gesang auch nicht von dem eines Vogels unterscheiden. Sollte das Gezwitscher also jemand draußen hören, so hatte er eben einen Vogel.
Es kam der Valentinstag, der Tag der Verliebten am 14. Februar. Herr Heumann stand morgens auf und hörte schon wunderschönen Gesang aus dem Wohnzimmer kommen, so dass er tatsächlich glaubte, Ildiko das Vögelchen, sei zurückgekommen. Es erfreute sein Herz und er wurde beschwingt. Als er ins Wohnzimmer kam, sah er seine Frau in dem Käfig sitzen und rufen: „Ich bin Ildiko. Ich bin Ildiko.“ Dabei zwitscherte sie die wunderschönsten Lieder. Herr Heumann konnte nicht anders als seine Freude über diese Schönheit des Gesangs hervorzutun, indem er rief: „Ach machst du einen schönen Gesang meine Ildiko. Ein schöneres Geschenk konntest du mir heute nicht machen und wie schön du dabei aussiehst…“ Frau Heumann hatte sich ihr schönes buntes Kleid angezogen, dass sie sich, inspiriert von den Farben des Vögelchens Ildiko, nähen ließ. „Ich liebe meine Ildiko,“ rief Herr Heumann erfreut, denn die Freude war jetzt wieder im Hause angekommen. Sichtlich ging es auch seiner Frau besser mit dem was sie tat, denn alle Schwermut war aus ihr verschwunden. Sie feierten den Tag wie nie zuvor, denn die Liebe und nicht die zuletzt gelebte Tristesse hatte ihren Bund wieder beflügelt. Herr Heumann liebte die „Verrücktheit“ seiner Frau und Frau Heumann liebte ihren Mann, der sie endlich singen lassen konnte wie ein Vögelchen.

Der Gegensatz

Er kämpft wie ein Raubtier
Lässt gerne Blut fließen
Der Gegensatz
Schreckt vor keinem Leid zurück
Nimmt bestimmt alles Glück
Der Gegensatz
Lässt immer wieder streben
Zu neuem Ausgleich schweben
Der Gegensatz
Der Gegensatz ist das Leben
Das sich will erheben
Vom Kleinen und Schmalen
Zum Großen und Erhabenen
Im EINEN
Dort kann er sich leben
und sich der Wandlung hingeben.