Aphorismus 5

Zur Liebe

Oft lese oder höre ich, dass Paare sich auseinander gelebt haben und sich deshalb trennen. Sie wissen gar nicht, dass ihnen nichts Besseres passieren konnte, denn erst jetzt sind sie zur wahren Liebe fähig. Wahre Liebe beginnt erst mit der Trennung vom anderen. Erst wenn jeder seinen eigenen Weg gehen und damit jeder den anderen lassen kann, wie er ist, zeigt sich die Fähigkeit zur Liebe. Liebe bedeutet auch Trennung und damit die Akzeptanz des Anderen.

Die Geschichte einer Made

Es war einst eine Made
Der wurde der Kirschbaum zu fade
Sie war zwar dick und fett
Aber nur weil sie fraß um die Wett

Sie wollte größer und sichtbarer sein
Stark und gefährlich, dass niemand tritt auf sie ein
Eine Riesenschlange wollte sie sein
Darüber grämte sie sich tagaus und tagein

Wie kann ich nur so riesig werden?
Fressen und Aufblasen waren ihre Gebärden
Ach, ist es schlimm so klein zu sein
Die Kleinen bringen nur Unmut heim

Unscheinbar klein, sollte das ihr Leben sein?
Nur für des Vogels Fraß bestimmt
Ihr Leben ward zum steten Streben
Größer, größer soll’s auch für mich geben

Es kam eine Riesenschlage daher
Schon klebte die Made an ihr
Fraß sich fest an ihren Leib
Wollte mit der Schlange größer werden

Fern vom Kirschbaum in die Erde
Führt sie jetzt das Leben in der Herde
Dünner wurde sie jeden Tag
So sehr, dass auch kein Vogel sie mag

Arme kleine Made
War nicht auf dem rechten Pfade
Warum nur etwas anderes sein
Das ihr bringt so viel Kummer ein

Sie wollte nur noch heim
Konnte doch keine Schlange sein
Der Kirschbaum wurde ihr ach so lieb
Wie konnte sie verjagen dieses Glück

Ein Vogel, ach du Schreck
Brachte sie des falschen Weges weg
Ein Vogel nahm sie in ihr Maul
Und brachte sie zu ihrem Baum

Auf dass sie dick und fetter werde
Legte er sie auf des Kirschbaums Erde
Aber die Made war zu schlau
Baute sich einen Madenbau

Kein Vogel konnte sie je erwischen
Wurde nicht zu fett und nicht zu dünn
Als Made war sie die Königin
An deren Beispiel das Leben anderer hing

Von nun an war sie glücklich und bescheiden
Wollte ihr Madenleben nicht mehr meiden
Als Made lebt sich’s ach so gut
Wenn man auf seinem eigenen Dasein ruht

Von der Liebe zum Leben

Ach wie gerne schrieb ich diese Worte
Voller Liebe zum Leben
Eine Liebe, die es nur selten gibt
Traurig, wer sein Leben nicht liebt

Hier und da nur Unbehagen
Die Gegenwart voller Klagen
Die Zukunft sollte besser sein
In der Vergangenheit das wahre Sein

Die Liebe zum Leben stets verkannt
Mit viel Kritik weggerannt
Alles sollte anders sein
Sein, wie es mein Geist gebar

Ach, wer ist schon dieser Geist
Der mir ein schönes Leben verheißt
Trugbilder flößt er mir ein
Vorstellungen gleich einem Schein

Wahre Liebe hat keine Vorstellung
Sie ist nicht an einem bestimmten Ort
Auch nicht an einen Menschen gebunden
Es hat sie auch noch niemand „gefunden“

Diese Liebe begleitet auch ins Niemandsland
Sie ist der fordernden Welt unbekannt
Sie geht täglich mit dir Hand in Hand
Die Liebe, die dich mit der Welt verband.

Drum gibt es kein: wir lieben uns nicht
Liebe ist es, die immer spricht
Nur Liebe erkennt die Welt
Denn sie hat die Achtung zum Dasein erhellt.

Nichts sagendes Unkraut

Wie Unkraut lebt sich’s leichter
Sein im Wachsen und Gedeihen
Unkraut sollte es werden
Und kein feudaler Schein

Unkraut, jeder geht an ihm vorüber
Der Aufmerksamkeit nicht wert
Der Vernichtung stets ausgesetzt
Auf Unkraut ward das Messer gewetzt

Niemand hat es je gesehen
Dies Unkraut war so wunderschön
Spross noch in den schwierigsten Ecken
Seinen Lebenswillen braucht man nicht wecken

Unkraut so zäh und so stark
Macht vor keinem Widerstand Halt
Lässt sich nicht vernichten
Möchte auf mein Unkraut nicht verzichten

Unkraut werde ich selber sein
Unbedacht doch voller Leben
Missachtung die das Glück rief
Leben das stets aus sich selber sprieß

Nur Unkraut ist frei
Frei zu sein, was es sein soll
Frei von jeglicher Anhängerschaft
Denn Unkraut sprach kein Wort