Epilog einer „Schönheit“

Ihre, den Kopf werfende Geste glich der, als wolle sie ihr Haar ins Jenseits werfen. Ein Jenseits, das sie der ewigen Schönheit näher brachte. Als wäre jeder Wurf, von dem man sich entledigt, ein Hinweis auf die Zukunft. „Nichts ist in der Zukunft, was nicht jetzt wäre“. Also strich sie mit gespreizten Fingern ihre Frisur wieder glatt. „Ja, sie war noch schön“, aber für wie lange, dann würde sie der Glanz der Schönheit verlassen. Nur noch wenige Jahre und der Verfall machte sich immer mehr bemerkbar, das unaufhaltsame Ende von allem. Der Gedanke war kaum erträglich in dieser ach so schönen Welt, die sich vor Verfall und Verderben ekelte. Ja, es war die Angst vor dem eigenen Ekel sich selbst gegenüber. Nicht mehr in den Spiegel schauen zu können, in dessen Bild die Schönheit immer mehr entwich und der Verfall und die Gebrechen ihren Platz einnahmen.
Man konnte sich für Geld richten lassen, die Haut straffen und sich ein jüngeres Antlitz verschaffen aber was geschah innen? War man innen das Anhängsel der Tochter geworden? Man verehrte die Jugend und nicht das Alter, eine Jugend, die nicht altert. Im hohen Alter Hände, Gesicht und Körper einer um mindestens 30 Jahre jüngeren Person. Welch ein Erfolg der kosmetischen Chirurgie. Die Zeit des Jungbrunnens war gekommen. Wenn schon alt, dann wenigstens schön. Woher kam dieser Schönheitswahn? Abgeleitet von technischer Perfektion und Reproduktion ist es ein künstlich geschaffenes Ideal, ein austauschbares Vehikel, gleich einem stets wuchernden Monster, dass sich in seinem unersättlichen Begehren wie Narziss zu Grabe trägt. Schönheit als Zeichen einer Ausgeburt von gegenständlich narzisstischem Aufmerksamkeits- und Liebesbegehren. Das Werk der menschlichen Unzufriedenheit nimmt darin kein Ende. Ohne seine eigene Natur in seiner Ganzheit zu erkennen und zu würdigen, sucht der nach außen gerichtete und darum stets unzufriedene Mensch, seine Natur nach bereits vorgegebenen Idealen und Modellen zu richten, indem er sich diesen anpasst. Anstatt sich von seinen narzisstischen Wünschen zu befreien indem er deren bloße Gegenständlichkeit erkennt und sein Dasein in der Ganzheit akzeptiert, wucherte der Mensch in seinem nur um sich selbst kreisenden bloß gegenständlichen Schönheitsideal und Liebeswahn zu einem technischen und künstlichen Gebilde aus. (Auch Narziss kann das Objekt seiner unstillbaren Liebe, aus Stolz um seine gegenständlich betrachtete Schönheit, nicht erreichen; erst nach dem Tode verwandelt er sich in eine schöne Blume, eine Narzisse und geht damit in die Ganzheit des Universums ein.) Einem Ideal folgend, hat der Mensch sich zum funktionierenden Gegenstand gemacht, dem Gegenstand eines „schönen“ Gebildes, das stets um seiner Schönheit Willen geliebt wird und damit auch seiner geistigen und seelischen Entwicklung ein Ende gesetzt hat. Denn das Ende aller seelischen Entwicklung ist die Gegenständlichkeit in der der Geist und damit auch die Liebe verharrt. Alles, was nicht über die Gegenständlichkeit hinaus kommt bleibt in der Materie haften und damit im leiblichen Ende, bereits zu Lebenszeiten. Wirklich schön kann man seinen Körper nur in der wahren Liebe zu ihm finden und dies bedeutet in seiner natürlichen Ganzheit – so wie er ist und sein soll. Schönheit setzt Selbstakzeptanz voraus und ist so dynamisch-kreativ und nicht statisch. Sie bedeutet nicht eine Vervollkommnung eines von außen gesetzten Ideals, sondern die Schau eines inneren kreativen Prozesses, der im Anblick des im Selbst geschaffenen Schönen endet, ein Akt der einer Erlösung gleicht. Schön ist, was befreit, z.B. durch die Aufhebung eines Gegensatzes. Im Schönen sind die Gegensätze vereint.

Nur der Blick über den Gegenstand, das bloße Objekt hinaus, ist der Blick der Seele der zum geistigen schönen Schauen wird. In der Überwindung des Gegenständlichen und damit im Inneren liegt die Schönheit der Seele in der verbindenden und damit liebenden Schau des Einen, das vorher getrennt war. In der Überwindung des Gegenstandes liegt sein Erkennen. Dies gilt auch für das individuelle Altern und den körperlichen Verfall. Diese Liebe geht über den Gegenstand hinaus. Hier liegt die Bedeutung des Satzes: „Schönheit kommt von innen“. Er drückt die verbindende Liebe in der Schau des Schönen von innen aus. Eine Schau, die nicht auf den bloßen Gegenstand und dessen als „schön“ bewerteten Merkmale gerichtet ist.
Man sieht plötzlich die Schönheit, die sich hinter den ganz individuellen Falten, der verwelkten Haut verbirgt. Die Schönheit eines Alterungsprozesses, wie er noch nie zuvor da war und ihn damit zu einer einmaligen Entwicklung zur Ganzheit hin werden lässt. Einer Ganzheit, die in ihrem liebevollen Schauen zur Schönheit und damit Erkenntnis wird. Einer Ganzheit, die den Blick über den bloßen Gegenstand hinaus richtet und damit ein viel weiteres und größeres Feld eröffnet, indem sich Liebe und Schönheit ausbreiten können in Bereiche, in denen man zuvor nie war und ohne die eigene Akzeptanz der Alterungsprozesse nie kommen wird. Wer wirklich einzigartig ist, braucht die Schönheit der Massen nicht. Schönheit ist damit nicht die Reproduzierbarkeit eines körperlichen Gebildes, das überall gefällt und so ein Massenphänomen wird, sondern nur der je individuelle Blick eines seelisch und geistigen Schauens, das über die Gegenständlichkeit hinaus wächst und auch das sieht, was dem Anderen möglicherweise verborgen bleibt – das wahrhaft Schöne und Liebenswerte in der Ganzheit seines einzigartigen Daseins, damit Unterschieden-Sein vom Anderen und das ihn doch mit diesem verbindet.

Die Trennung zwischen Liebe und Schönheit liegt in der ethischen Haltung, die ich in der reinen Gegenständlichkeit völlig unbeachtet lasse. Was gegenständlich schön ist, bedarf keiner moralischen Bewertung, weil es als ein von der Masse bewertetes „schönes“ Objekt von jeglicher Ethik und damit jeglichem Zweifel entbunden bleibt. Masse kennt keinen ethischen Zweifel. Sie bringt nur Ideale (Moral als Ideal, egal ob gute oder schlechte), Geld und Erfolg hervor. Ein Erfolg, der nur auf Masse beruht und daher auf jegliche individuelle Ethik und damit auch auf die Bildung einer wahren Persönlichkeit, auch und gerade im Alter, verzichtet. Der Schönheitswahn hält den Menschen dumm (weil seine Schau immer begrenzter auf den Gegenstand und dessen Massen-Merkmale gerichtet ist) und lieblos (weil er nur liebt, was „schön“ ist). Das Resultat dieses gezüchteten, auf das Gegenständliche gerichteten, Narzissmus sind viele „schöne“ Menschen, die sich in ihr verzerrtes Spiegelbild verlieben und damit ihr wahres Leben zu Grabe tragen – eine tote Schönheit, die sich auf Stelzen bewegt.

Exkurs:

Im Zusammenhang mit der Schönheit ein Blick auf die Kunst: schon die zeitgenössische Aufwertung der Materie in der Kunst z.B. in der Informel-Malerei (durch Hervorhebung der Formlosigkeit) zeigt, dass den Dingen, so wie sie auch sind, aus der individuellen Betrachtung, mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte. So sagte Rudolf L. Reiter zu seiner Malerei und seinen Landschaftsbildern: „Ich möchte Unsichtbares sichtbar machen“.
Auch die Hervorhebung einzelner Gegenstände in der Kunst, sei es ein Pflasterstein, Rost, Späne, Nägel oder auch ein Pissoierbecken oder auch die Muschel am Strand, verweisen darauf, dass man sie mehr auf sich wirken lassen sollte. Gibt man den Dingen mehr Bedeutung von seinem eigenen Innersten aus und entmaterialisiert sie dadurch, so werden sie auch wertvoller. So wird das Schönheitsideal fließender und es bekommt mehr das an Bedeutung was ist und wie es ist, bzw. wie man es aus seinem Innersten auch als schön betrachten kann, was eigentlich häßlich oder banal und unsinnig war. Dadurch, dass sie gerahmt sind, einen Platz in Museum haben, erhalten sie die Bedeutung eines Fetisch. Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die nutzlos gewordenen Verpackungen von Konsumgütern, wie die Suppendose bei Andy Warhol oder bei Rauschenberg die Stuhllehne oder das Zifferblatt einer Uhr auf der Leinwand. Sobald diese Dinge nutzlos geworden sind, ihr Kreislauf beendet ist, dann werden sie im Kunstwerk von ihrem Elend und ihrer Armut erlöst und legen eine unerwartete Schönheit an den Tag. Welch eine Schönheit doch aus der Tiefe der Materie im Betrachter hervorgehen kann, die dem oberflächlich gegenständlich und zweckhaft betrachteten Anblick entgeht, ahnt nur der, der plötzlich ein inneres Auge für die Schönheit hinter der Gegenständlichkeit bekommt – wie eigentlich Häßliches und Nutzloses doch schön sein kann.
Vielleicht enden die natürlich alternden Menschen, die an äußerem Glanz verloren und ausgedient haben, einst im Museum und bekommen dort mehr Beachtung.
Aber es gibt auch eine Alternative zur Schönheit in der Kunst ohne Museumscharakter:
Es hat den Anschein, dass wenn das Sakrale eines Museums dem Kunstwerk genommen wird, es sich z.B. in einer alten Scheune oder Garage befindet, der Schönheit beraubt wird und damit auch dem Prädikat Kunst; zumindest wird es dann gerne zum Streitobjekt. Ob es nun Schrott aus Metall ist, was in des Künstlers J. Rutenbeck Garten dargestellt ist und damit häßlich und wertlos, bzw. nur Wert für den Schrotthändler hat oder ob es darüber hinaus geht und ein schönes Kunstwerk darstellt? Zumal bei Schrott der der Verwitterung ausgesetzt ist, der Aspekt der täglichen Veränderung und damit auch der Verfall eine viel größere Bedeutung beikommt. Ein Prozess, der dem menschlichen Dasein sehr nahe kommt aber gerne verleugnet wird, weil es schwer fällt, das Schöne darin zu erkennen. Bei dieser Betrachtung bleibt allerdings unberücksichtigt, wie schön es ist sich zu verändern, dass man doch eigentlich nie die oder der gleiche bleibt. Jeden Tag kommen neue Standpunkte hinzu und alte werden abgelegt; welch eine Faszination kann von Rost oder alternder Haut und deren zunehmendem körperlichen Verfall ausgehen? Welch unbekannte faszinierende Bilder können entstehen, die die Sichtweise erweitern und nicht statisch an einem Punkt festhalten? Hier zeigt die Kunst, die in einem Museum sicherlich nicht den richtigen Platz hätte, in der Hässlichkeit des Schrottes die Schönheit der Veränderung. Eine Veränderung, auf menschlicher Ebene, zu dem hin was man ist und auch gerne wird, d.h. man nimmt seine Veränderung gerne an, findet sie wahrlich schön, im Gegensatz zu dem, was man gerne sein möchte und möglicherweise nie werden kann und auch nie war.

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