Über das individuelle und freiwillige Opfern 3

(Ein Beitrag zur Selbsterkenntnis; für Fortgeschrittene)

Hier: Opfer und Bewusstwerdung

„Ein unbewusstes Selbstopfer ist … nur ein Geschehnis aber kein sittlicher Akt.“
C.G. Jung, (GW 11, 279)

„Wenn das Mächtige, das uns regiert,
Ein großes Opfer heischt, wir bringen’s doch,
Mit blutendem Gefühl, der Not zuletzt.“
Johann Wolfgang von Goethe

„Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben findet um meinetwillen, der wird’s finden.“
Bibel (MT 10,39)

„Märtyrerblut ist der fruchtbarste Samen und bringt die reichste Ernte.“
Honore de Balzac

„Was er als Opfer zu bringen hat, ist das Geheimnis jedes Einzelnen.“
Albert Schweizer

Die Natur des Menschen hat eine große Scheu vor Bewusstwerdung. Am liebsten läuft sie immer in der Herde oder verdrängt ihre Konflikte bis zur Erkrankung. Selbsterkenntnis empfindet der vorwiegend unbewusste Mensch als das Schwierigste und Widerwärtigste, das er durch möglichst geringe Anstrengung zu meiden sucht und an Ablenkung und Zerstreuung fehlt es ihm nicht. Die meisten wissen, was sie geleistet haben und leisten können, aber die wenigstens wissen, wer sie wirklich in ihrem Innersten sind. Es gibt kaum etwas, dass auf mehr Widerstand stößt als die Selbsterkenntnis. Es hat seinen Grund, wie sich zeigen wird. Was ihn aber doch zur Bewusstwerdung treibt, ist das Selbst, das Unbewusste. Mit ihm ist die Erkenntnis von sich selbst verbunden, das aber zu diesem Akt wiederum ein Opfer verlangt, nämlich das Selbstopfer.

Das Selbst wird hier verstanden als eine umfänglichere Wesenheit als die der bewussten Persönlichkeit. Es entspricht weder der Kollektivnorm noch dem bloßen Naturtrieb, sondern der ganz individuellen Bestimmung des Menschen. Der Mensch gewinnt aber erst aus dem bewussten Selbstopfer das Selbst, das nun der Mensch geworden ist, der er werden soll. Dieser Vorgang der Menschwerdung ist ein allmähliches Hervortreten und deutlich Werden von etwas, nämlich dem Selbst, das stets vorhanden war und immer deutlicher als Agens empfunden wird.
Diese Erfahrung wird vorbereitet durch die stetige Bewusstmachung egoistischer Absichten. Das bedeutet, man legt sich zunehmend Rechenschaft ab über seine Handlungsmotive und versucht sich ein möglichst umfassendes Bild über sein eigenes Wesen zu schaffen. Dieser Akt der Selbsterkenntnis ist die Auseinandersetzung mit sich selbst im Bezug zum Selbst, ein steter innerer Dialog, zum Zwecke der völligen Bewusstwerdung, denn wenn ich mir innerlich etwas über mich selbst bewusst mache, habe ich das Gefühl ich spreche mit einem der mich korrigieren könnte oder der das anders sieht oder der mir sagt, so stimmt es, so siehst du dich richtig. Machmal nehme ich auch den Rat anderer zur Hilfe, dass sie mir sagen mögen, wie sie mich sehen. Ich bin dankbar über jede Anregung, die mich mir näher bringt. Diese Akte sind veranlasst durch das Selbst, indem es das Ich zur bewussten Willensleistung der Bewusstwerdung treibt. Das Selbst wird so durch das Bewusstmachen unbewusster Teile in uns geschaffen und es ist doch gleichzeitig der Antrieb dafür, dass uns zur Überwindung des Unbewussten treibt.
Zur Selbsterkenntnis gehört aber auch, dass ich mich von diesem Bild von mir, dass meine egoistische Darstellung par excellence zeigt, trennen kann, das ich nicht unbewusst mit ihm verhaftet bin; es mich also zu seinem Sklaven macht. Dazu bedarf es des Selbstopfers. Wie Albert Schweizer sagt: „Was er als Opfer zu bringen hat, ist das Geheimnis jedes Einzelnen“, denn es ist immer die Aufforderung von Innen, vom Selbst die dazu veranlasst. Da Bewusstsein mit Trennung verbunden ist, muss ich mir von mir ein Bewusstsein verschaffen und mich dann auch von diesem befreien können, an dem ich doch noch egoistisch anhafte, denn Bewusstsein bedeutet, dass ich nicht mehr an etwas anhafte, sondern frei von allen Anhaftungen bin. Dies bedeutet, ich muss mich von der Meinung die ich mir angeeignet habe auch befreien können ohne sie zu verdrängen.
Und wie bereits das Zitat von Balzac andeutet, ist der Schritt vorwärts in die Bewusstwerdung qualvoll und mit Leiden verbunden. Aber wenn der Mensch schon leidet, „Leben ist Leiden“, sollte er sich doch Kenntnis darüber verschaffen, warum er leidet und suchen, ob er dies beenden kann. Ohne Qualen und Widerstand gibt das Ich seine Position nämlich nicht auf. Im Gegenteil, es will sie behalten, fühlt sich wohl in seiner Machtposition, die es auf keinen Fall preisgeben will, sondern mit aller Gewalt an ihr festhält und sie verteidigt. Um Leiden durch das Aufgeben des Ich zu verhindern, versucht das Ich noch mehr Macht zu bekommen, es bläht sich regelrecht auf; ein endloser Kreislauf beginnt, bis hin zum Zusammenbruch, weil das Gleichgewicht zunehmend gestört wird. Hierin liegt die Scheu und der Widerwillen gegen alle Selbsterkenntnis, die damit verbunden ist, das Ich dem Selbst zu unterwerfen, ihm die Funktion zu geben die es eigentlich hat, nämlich die der Bewusstmachung. Hier wird auch die eigentliche Bedeutung des Begriffes Opfer deutlich: das sich einem Höheren Hingeben.
Das Selbstopfer soll beweisen, dass ich durch bewusste und gewollte Abtretung einer bestimmten Haltung über mein Ich verfügen kann. Um der Herr im eigenen Hause zu sein, muss das Ich zeigen, dass es sich opfern und damit von sich loslassen kann. Sobald es auch nicht mehr die Meinung der anderen ist und diese sucht, es also nicht mehr projiziert, bedingt durch seine Unbewusstheit, befindet es sich auch nicht mehr in den ständigen moralischen Konflikten, sondern ist seine eigene bewusste Moralische Instanz. Die Existenz des Ichbewusstseins hat nur dann Sinn, wenn sie frei und autonom, d.h. also an nichts gefesselt ist. Damit entsteht ein Konflikt zwischen dem Unbewussten (Selbst) und der Hybris des Bewusstseins. Durch bloße Bewusstwerdung, was auch Voraussetzung ist, wird der Konflikt zwar einer Lösung näher gebracht aber noch nicht aufgehoben. Die Aufhebung erfolgt im Selbstopfer, in dem das Ich sich seinen egoistischen Anspruch bewusst macht und mit Hilfe des Selbst der Anspruch gegen das Ich aufgehoben wird. Dies kann auf zweierlei Art geschehen:
1. Ich hebe den Anspruch aufgrund eines moralischen Sittenkodex auf, z.B. das Lesen von Meinungen, mit denen ich mich identifizieren kann, dem meist ein unbewusster Motivationsgrund zugrunde liegt. Gemeint ist dieses Gefühl der inneren Übereinstimmung mit der Meinung eines anderen oder gar vieler anderer. Je mehr Menschen einer Meinung sind, um so sicherer fühlt sich das Ich in seiner Position bestärkt. In diesem Falle stimmt das Selbst mit der öffentlichen Meinung unbewusst überein. Mit dieser Unbewusstheit hafte ich an der Umwelt und bin daher nicht frei in meiner Wahl, die Autonomie bleibt unbewusst.
2. Ich hebe meinen Anspruch, aufgrund von mir derzeit nicht erkennbaren inneren, mich aber drängenden Beweggründen auf. Sie gewähren mir keine moralische Genugtuung, im Gegenteil ich kann sogar innere Widerstände erfahren. Ich muss mich aber der inneren Macht beugen, welche meinen egoistischen Standpunkt aufheben will. In diesem Falle ist das Selbst aus der Projektion zurückgenommen, es ist integriert und als die mich bestimmende Macht fühlbar geworden. Einer Macht, der ich unterliege und die mir doch beide Aspekte, sowohl den der moralischen Kritik als auch den des egoistischen Vorsatzes, aufzeigt. Hier handelt es sich um eine persönliche Aufforderung, die mich sehr in
Mitleidenschaft zieht und in der es auf Selbstüberwindung ankommt. Es muss berücksichtigt werden, dass hier mit Opfern das freiwillige Weggeben im Sinne einer übergeordneten Idee oder eines Wertes bedeutet. Es bedeutet nicht, dass einem etwas wegenommen wird oder es zu verlieren, wie z.B. Freiheitsberaubung. In der Freiwilligkeit des Opfers für das Höhere, das Wertvollere liegt der Sinn.
Dieser Zustand kann vorübergehend zu Leid führen, bis ich die Macht des Mächtigeren ganz akzeptiert und damit integriert habe. Die Macht, die bestimmt, was ich werden soll, jenseits von allem was bereits war und ist. Ich habe mich dem Höheren, das in mir und nicht außerhalb von mir wirkt, unterworfen. Hier liegt auch der eigentlich schöpferische Aspekt des Selbst und der Individualität des Menschen – hier gehören Opfer und Schaffen zusammen.
Ein Beispiel:
Wenn ich mich über einen Menschen ärgere weil ich ihm etwas geschenkt habe und er sich nicht bedankt, dann kann ich mir zwar bewusst machen und das ist auch Voraussetzung des Selbstopfers, dass ich mich ärgere, kann in alle Lagen dieses Gefühls eintauchen, werde ihn aber nicht los. Ich bin völlig mit ihm verhaftet. Jetzt habe ich zwei Möglichkeiten des Selbstopfers, in dem sich das Ich seiner Lage bewusst wird und das Selbst ihn aufhebt.
Zum einen hebe ich den Ärger auf, indem ich einem moralischen Kodex, einer Einstellung in der öffentlichen Meinung folge, mit der ich mich identifizieren kann und die mir sagt, dass man für ein Geschenk keine Gegenleistung erhalten darf oder auch die andere Seite, „Undank ist der Welten Lohn“. Übernehme ich eine dieser Auffassungen, so ist das Selbst mit der öffentlichen Meinung identisch und deshalb unbewusst. Diese Meinung löst den Konflikt für mich, indem ich mich ihr gemäß verhalte. Das Ich unterliegt allzu gerne einer bequemen übernommenen und damit unbewussten Moral oder geistigen Einstellung, um seine Probleme zu lösen. Und wie C.G. Jung oben erwähnt, ist das unbewusste Selbstopfer noch kein sittlicher Akt, sondern nur ein Geschehen.

Es besteht aber auch die Möglichkeit, je nachdem ob es mein inneres Selbst (Unbewusstes) verlangt oder mich sogar dazu drängt, ein anderes Verhalten zu wählen. Der Ärger um das Geschenk ist jetzt ein einfaches Beispiel, das individuelle Selbst kann es besser. Seine Forderungen können schon sehr schmerzhaft sein und ans Mark (Balzac’s Märtyrerblut) gehen, denn sie sind fähig, das ganze Leben mit seinem Sittenkodex auf den Kopf zu stellen. Ich muss mich nämlich jetzt um Bewusstsein zu erlangen meinem egoistischen Anspruch, den ich dem anderen gegenüber habe, beugen, d.h. ein Selbstopfer erbringen, indem ich gegen meine Ich-Einstellung angehe. „Warum sollte er sich bedanken. Was führt mich zu dieser Einstellung? Warum empfinde ich diesen Ärger?“ Dies führt mit Sicherheit zu einem Widerstand des Ich, es gibt genügend Gründe, das er sich bedanken sollte (was habe ich für dieses Geschenk alles geopfert; der Anstand gebietet es, daß er mir ebenfalls etwas schenkt; der Mensch lebt doch von Geschenken, für die er dankbar sein sollte; wer nicht dankbar sein kann, ist ein schlechter Mensch, mit dem ich nichts zu tun haben möchte, d.h. ich benutze das Geschenk als Machtinstrument um ihn für mich zu gewinnen; usw.) und doch versuche ich mich der höheren inneren Macht zu beugen und von meinen egoistischen Standpunkt loszulassen und das kann sehr schmerzhaft für das Ich sein. Dann handle ich weder aus einem Naturtrieb, noch aus einem Moralkodex, sondern mein Weg aus dem Ärger ist ein individueller und der für mich bestimmte. Der Ärger lässt dann nach, weil er nicht verdrängt wurde, sondern er ist mir jetzt bewusst und ich kann über ihn bestimmen und er nicht über mich. Ich bestimme jetzt, wie ich moralisch mit ihm umgehe und nicht ein unbewusstes Verhalten im Zuge eines unbewussten Moralkodex. Hier handelt es sich um ein mir bewusstes moralisches Verhalten. Dabei ist mir sowohl der Sittenkodex bewusst, an dem ich mich bewusst nicht orientiere und es ist mir auch mein natürlicher Trieb bewusst, auch der hat mich nicht mehr in der Gewalt. Ich habe jetzt die Möglichkeit einen 3. Weg, den für mich bestimmten zu wählen. Der könnte darin liegen, dass es mir plötzlich eine Freude macht, daß ich ihm ein für mich wertvolles Geschenk geben konnte. In diesem Falle habe ich meine vorherige Einstellung und den damit verbundenen Ärger gegen eine höherwertige Einstellung ersetzt, die mein Selbst entschieden hat und damit nicht einem Sittenkodex entstammte.
Die Selbsterkenntnis erfordert auch das Sich-selber-Sammeln, durch welches all das Zerstreute und Vielfältige das in mich einströmt und nun dort vorhanden ist, seine Stellung behauptet, sich erhöht und zur ursprünglichen Gestalt des Einen wird. Durch diesen Akt wird die jeweilige Ichhaftigkeit oder der egoistische Standpunkt auch aufgegeben, dadurch erweitert sich der Kreis des Bewusstseins und durch das Bewusstmachen der Paradoxien (ein Geschenk, ist auch kein Geschenk) erlahmen die Konfliktquellen, denn es gibt nichts, von dem es nicht auch das Gegenteil geben würde. Ein Zitat soll dies verdeutlichen:
„Suche ihn [nämlich Gott] von dir selber aus und lerne, wer es ist, der alles überhaupt in dir sich zueignet und spricht: Mein Gott, mein Geist …, mein Verstand, meine Seele, mein Körper, und lerne, woher Trauer und Freude und Lieben und Hassen und das nicht gewollte Aufwachen und die nicht gewollte Schläfrigkeit und nicht gewollter Ärger und nicht gewollte Liebe kommen. Und wenn du dies genau untersuchst, so wirst du ihn in dir selber finden, das Eine und das Viele, entsprechend jenem Tüpfelchen, in dem er von dir selbst seinen Ausgang nimmt.“ (Hypolytus, Elenchos, z. n. C.G. Jung, GW 11, S. 280)
Dies alles besagt nicht, dass ich keinen Standpunkt mehr habe, denn ein Standpunkt ist die Aufhebung eines Konfliktes; es besagt nur, dass ich einen bewussten „Standpunkt“ in Freiheit habe und weiß damit, dass es von diesem auch das Gegenteil gibt. So wird Wandlung des Ich möglich.

Es erschließt sich von selbst, dass das reihenweise unbewusste Opfern und sich damit selbst vergewaltigen aufgrund dessen, dass es jemand sagt, sinnlos ist. Es muss aus einem selbst kommen, „suche ihn von dir selbst aus…“.
Das hier Gesagte möge nur einigen Wenigen eine größere Klarheit verschaffen oder zum Nachdenken, sich-selber-sammeln, anregen und ihm möglicherweise helfen, nach längerem Bemühen, sich von seinem “ Ärger“ zu befreien. Im Grunde kündigt sich jede Entwicklung, das was jetzt sein muss, von selbst an. Man muss nur hinhorchen und dabei bleiben. Das nicht Verdrängen sondern aufmerksam Sein, ermöglicht es die Dinge erst bewusst werden zu lassen, bevor man sich davon trennen kann. Das Ziel ist: nicht verdrängen, sondern Hand in Hand damit gehen, auch mit dem Schlechten und Bösen, was uns nicht gefällt. Das Selbstopfer fordert erst die vollständige Integration, bevor man etwas loslassen und frei seine Handlungsweise entscheiden kann.

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