Über das individuelle und freiwillige Opfern 2

Hier: Opfer und Moral

„Hinter dem Menschen steht weder die öffentliche Meinung noch der allgemeine Sittenkodex, sondern jene Persönlichkeit, die ihm noch unbewußt ist“ [die ihm aber auch durch ein freiwilliges Opfer seines Ich-Standpunktes bewusst werden kann].
C.G. Jung (GW 11, 390) [in Klammern von mir hinzugefügt]

„Ein jeder muss ein inneres Heiligthum haben dem er schwört, und […] sich als Opfer in ihm unsterblich machen – denn Unsterblichkeit muss das Ziel sein.“
Bettina von Arnim, „Die Günderode“;

„Wir müssen jeder allein sein – allein arbeiten, allein kämpfen, um unsere Kraft, unsere Opferwilligkeit zu beweisen.“
Katherine Mansfield, „Tagebücher“;

Das Opfer und die Moral:
Die Frage der Moral stellt sich im Sinne einer Persönlichkeitsentwicklung dann, wenn der Mensch dem Problem gegenübersteht, was er werden „kann“ (inneres Heiligtum), also einem höheren Ziel, im Gegensatz dazu was er werden „wird“, wenn er ohne Reflexion (Arbeit an sich, Kampf mit sich selbst) seine Einstellung aufrecht erhält und ihr gemäß handelt. Jeder Mensch wird, aus einem angeborenen Individualitätsprinzip, dazu gezwungen moralische Entscheidungen in Übereinstimmung mit sich selbst zu treffen. Aus diesem Zwang ergibt sich eine Verantwortlichkeit gegenüber dem eigenen Ich und andererseits in Beziehung zu den übergeordneten Erfordernissen des Selbst, die sich darin zeigt, was eine Person werden „kann“ und aus diesem Erfordernis tun sollte. Aus dieser Konstellation können sich sehr schwierige individuell Aufgaben und Konflikte ergeben, die das Opfern einer Ich-Position erfordern. Daraus resultierend können die Betroffenen den Eindruck erwecken als ob sie die gesellschaftlichen Vorgaben gar nicht berücksichtigen und doch halten sie damit ein Gleichgewicht innerhalb der Gesellschaft und sich selbst aufrecht.

Die bewusste Entscheidung einen Ich-Standpunkt aufzugeben, ihn also zu opfern, führt vielleicht nicht direkt zu einer persönlichen Befriedigung, im Gegenteil, es kann sein, dass das Ich unter seiner Entscheidung Zeiten des Leidens (Leiden entsteht in höherem Maße durch ungewollte Aufgabe einer Ich-Position) erfährt, sie kann aber wirken, indem sie die Dinge zurecht rückt, d.h. sie stellt ein neues Gleichgewicht her zwischen dem was er sein „kann“ und dem, was er zuvor war. Der Betreffende kommt seinem höheren Ziel näher und damit einem höheren oder erweiterten Bewusstsein im Sinne seines Selbst.G

3 Kommentare zu „Über das individuelle und freiwillige Opfern 2“

  1. Brillant! „und sie dreht sich doch“, große Geister haben allen gesellschaftlichen Meinungen oder autoritären Systemen zum Trotz an ihren, oft durch tiefes Leid und persönliches Opfer gewonnenen Überzeugungen und Erkenntnisse festgehalten und haben dadurch die Menschheit weiter gebracht.

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  2. Eine Forderung, die sehr schwer umzusetzen ist, fast fühl ich mich dabei überfordert in diesem Leben.

    Deine Anstösse, wie immer sehr gut, aber hart für die Umsetzung.
    Lieben Geuß
    Doris

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    1. Es geht mir auch nur darum über diese „Dinge“ nachzudenken. Große Ziele sind immer schwer zu erreichen und das Ziel „Selbst“ zu sein und auf seine inneren Möglichkeiten zu horchen (das „Kann“) ist sicherlich eines dieser Ziele.
      Danke, liebe Grüße Liesel

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