Am Rande

Es gibt ihn auch
Den Menschen
Der nicht viel schrieb
Und der doch
Die Weisheit liebt.

Alles Streben zerstört
Da es nicht zu ihm gehört
Was eines anderen Ziel
Diesem brachte ein
Nicht der Weisheit sein.

Die Liebe trennt die Weisen
Nicht der Hass und
Nicht das Streben
Denn nur Liebe kann geben
Was aus Liebe entstand.

Über das individuelle und freiwillige Opfern 3

(Ein Beitrag zur Selbsterkenntnis; für Fortgeschrittene)

Hier: Opfer und Bewusstwerdung

„Ein unbewusstes Selbstopfer ist … nur ein Geschehnis aber kein sittlicher Akt.“
C.G. Jung, (GW 11, 279)

„Wenn das Mächtige, das uns regiert,
Ein großes Opfer heischt, wir bringen’s doch,
Mit blutendem Gefühl, der Not zuletzt.“
Johann Wolfgang von Goethe

„Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben findet um meinetwillen, der wird’s finden.“
Bibel (MT 10,39)

„Märtyrerblut ist der fruchtbarste Samen und bringt die reichste Ernte.“
Honore de Balzac

„Was er als Opfer zu bringen hat, ist das Geheimnis jedes Einzelnen.“
Albert Schweizer

Die Natur des Menschen hat eine große Scheu vor Bewusstwerdung. Am liebsten läuft sie immer in der Herde oder verdrängt ihre Konflikte bis zur Erkrankung. Selbsterkenntnis empfindet der vorwiegend unbewusste Mensch als das Schwierigste und Widerwärtigste, das er durch möglichst geringe Anstrengung zu meiden sucht und an Ablenkung und Zerstreuung fehlt es ihm nicht. Die meisten wissen, was sie geleistet haben und leisten können, aber die wenigstens wissen, wer sie wirklich in ihrem Innersten sind. Es gibt kaum etwas, dass auf mehr Widerstand stößt als die Selbsterkenntnis. Es hat seinen Grund, wie sich zeigen wird. Was ihn aber doch zur Bewusstwerdung treibt, ist das Selbst, das Unbewusste. Mit ihm ist die Erkenntnis von sich selbst verbunden, das aber zu diesem Akt wiederum ein Opfer verlangt, nämlich das Selbstopfer.

Das Selbst wird hier verstanden als eine umfänglichere Wesenheit als die der bewussten Persönlichkeit. Es entspricht weder der Kollektivnorm noch dem bloßen Naturtrieb, sondern der ganz individuellen Bestimmung des Menschen. Der Mensch gewinnt aber erst aus dem bewussten Selbstopfer das Selbst, das nun der Mensch geworden ist, der er werden soll. Dieser Vorgang der Menschwerdung ist ein allmähliches Hervortreten und deutlich Werden von etwas, nämlich dem Selbst, das stets vorhanden war und immer deutlicher als Agens empfunden wird.
Diese Erfahrung wird vorbereitet durch die stetige Bewusstmachung egoistischer Absichten. Das bedeutet, man legt sich zunehmend Rechenschaft ab über seine Handlungsmotive und versucht sich ein möglichst umfassendes Bild über sein eigenes Wesen zu schaffen. Dieser Akt der Selbsterkenntnis ist die Auseinandersetzung mit sich selbst im Bezug zum Selbst, ein steter innerer Dialog, zum Zwecke der völligen Bewusstwerdung, denn wenn ich mir innerlich etwas über mich selbst bewusst mache, habe ich das Gefühl ich spreche mit einem der mich korrigieren könnte oder der das anders sieht oder der mir sagt, so stimmt es, so siehst du dich richtig. Machmal nehme ich auch den Rat anderer zur Hilfe, dass sie mir sagen mögen, wie sie mich sehen. Ich bin dankbar über jede Anregung, die mich mir näher bringt. Diese Akte sind veranlasst durch das Selbst, indem es das Ich zur bewussten Willensleistung der Bewusstwerdung treibt. Das Selbst wird so durch das Bewusstmachen unbewusster Teile in uns geschaffen und es ist doch gleichzeitig der Antrieb dafür, dass uns zur Überwindung des Unbewussten treibt.
Zur Selbsterkenntnis gehört aber auch, dass ich mich von diesem Bild von mir, dass meine egoistische Darstellung par excellence zeigt, trennen kann, das ich nicht unbewusst mit ihm verhaftet bin; es mich also zu seinem Sklaven macht. Dazu bedarf es des Selbstopfers. Wie Albert Schweizer sagt: „Was er als Opfer zu bringen hat, ist das Geheimnis jedes Einzelnen“, denn es ist immer die Aufforderung von Innen, vom Selbst die dazu veranlasst. Da Bewusstsein mit Trennung verbunden ist, muss ich mir von mir ein Bewusstsein verschaffen und mich dann auch von diesem befreien können, an dem ich doch noch egoistisch anhafte, denn Bewusstsein bedeutet, dass ich nicht mehr an etwas anhafte, sondern frei von allen Anhaftungen bin. Dies bedeutet, ich muss mich von der Meinung die ich mir angeeignet habe auch befreien können ohne sie zu verdrängen.
Und wie bereits das Zitat von Balzac andeutet, ist der Schritt vorwärts in die Bewusstwerdung qualvoll und mit Leiden verbunden. Aber wenn der Mensch schon leidet, „Leben ist Leiden“, sollte er sich doch Kenntnis darüber verschaffen, warum er leidet und suchen, ob er dies beenden kann. Ohne Qualen und Widerstand gibt das Ich seine Position nämlich nicht auf. Im Gegenteil, es will sie behalten, fühlt sich wohl in seiner Machtposition, die es auf keinen Fall preisgeben will, sondern mit aller Gewalt an ihr festhält und sie verteidigt. Um Leiden durch das Aufgeben des Ich zu verhindern, versucht das Ich noch mehr Macht zu bekommen, es bläht sich regelrecht auf; ein endloser Kreislauf beginnt, bis hin zum Zusammenbruch, weil das Gleichgewicht zunehmend gestört wird. Hierin liegt die Scheu und der Widerwillen gegen alle Selbsterkenntnis, die damit verbunden ist, das Ich dem Selbst zu unterwerfen, ihm die Funktion zu geben die es eigentlich hat, nämlich die der Bewusstmachung. Hier wird auch die eigentliche Bedeutung des Begriffes Opfer deutlich: das sich einem Höheren Hingeben.
Das Selbstopfer soll beweisen, dass ich durch bewusste und gewollte Abtretung einer bestimmten Haltung über mein Ich verfügen kann. Um der Herr im eigenen Hause zu sein, muss das Ich zeigen, dass es sich opfern und damit von sich loslassen kann. Sobald es auch nicht mehr die Meinung der anderen ist und diese sucht, es also nicht mehr projiziert, bedingt durch seine Unbewusstheit, befindet es sich auch nicht mehr in den ständigen moralischen Konflikten, sondern ist seine eigene bewusste Moralische Instanz. Die Existenz des Ichbewusstseins hat nur dann Sinn, wenn sie frei und autonom, d.h. also an nichts gefesselt ist. Damit entsteht ein Konflikt zwischen dem Unbewussten (Selbst) und der Hybris des Bewusstseins. Durch bloße Bewusstwerdung, was auch Voraussetzung ist, wird der Konflikt zwar einer Lösung näher gebracht aber noch nicht aufgehoben. Die Aufhebung erfolgt im Selbstopfer, in dem das Ich sich seinen egoistischen Anspruch bewusst macht und mit Hilfe des Selbst der Anspruch gegen das Ich aufgehoben wird. Dies kann auf zweierlei Art geschehen:
1. Ich hebe den Anspruch aufgrund eines moralischen Sittenkodex auf, z.B. das Lesen von Meinungen, mit denen ich mich identifizieren kann, dem meist ein unbewusster Motivationsgrund zugrunde liegt. Gemeint ist dieses Gefühl der inneren Übereinstimmung mit der Meinung eines anderen oder gar vieler anderer. Je mehr Menschen einer Meinung sind, um so sicherer fühlt sich das Ich in seiner Position bestärkt. In diesem Falle stimmt das Selbst mit der öffentlichen Meinung unbewusst überein. Mit dieser Unbewusstheit hafte ich an der Umwelt und bin daher nicht frei in meiner Wahl, die Autonomie bleibt unbewusst.
2. Ich hebe meinen Anspruch, aufgrund von mir derzeit nicht erkennbaren inneren, mich aber drängenden Beweggründen auf. Sie gewähren mir keine moralische Genugtuung, im Gegenteil ich kann sogar innere Widerstände erfahren. Ich muss mich aber der inneren Macht beugen, welche meinen egoistischen Standpunkt aufheben will. In diesem Falle ist das Selbst aus der Projektion zurückgenommen, es ist integriert und als die mich bestimmende Macht fühlbar geworden. Einer Macht, der ich unterliege und die mir doch beide Aspekte, sowohl den der moralischen Kritik als auch den des egoistischen Vorsatzes, aufzeigt. Hier handelt es sich um eine persönliche Aufforderung, die mich sehr in
Mitleidenschaft zieht und in der es auf Selbstüberwindung ankommt. Es muss berücksichtigt werden, dass hier mit Opfern das freiwillige Weggeben im Sinne einer übergeordneten Idee oder eines Wertes bedeutet. Es bedeutet nicht, dass einem etwas wegenommen wird oder es zu verlieren, wie z.B. Freiheitsberaubung. In der Freiwilligkeit des Opfers für das Höhere, das Wertvollere liegt der Sinn.
Dieser Zustand kann vorübergehend zu Leid führen, bis ich die Macht des Mächtigeren ganz akzeptiert und damit integriert habe. Die Macht, die bestimmt, was ich werden soll, jenseits von allem was bereits war und ist. Ich habe mich dem Höheren, das in mir und nicht außerhalb von mir wirkt, unterworfen. Hier liegt auch der eigentlich schöpferische Aspekt des Selbst und der Individualität des Menschen – hier gehören Opfer und Schaffen zusammen.
Ein Beispiel:
Wenn ich mich über einen Menschen ärgere weil ich ihm etwas geschenkt habe und er sich nicht bedankt, dann kann ich mir zwar bewusst machen und das ist auch Voraussetzung des Selbstopfers, dass ich mich ärgere, kann in alle Lagen dieses Gefühls eintauchen, werde ihn aber nicht los. Ich bin völlig mit ihm verhaftet. Jetzt habe ich zwei Möglichkeiten des Selbstopfers, in dem sich das Ich seiner Lage bewusst wird und das Selbst ihn aufhebt.
Zum einen hebe ich den Ärger auf, indem ich einem moralischen Kodex, einer Einstellung in der öffentlichen Meinung folge, mit der ich mich identifizieren kann und die mir sagt, dass man für ein Geschenk keine Gegenleistung erhalten darf oder auch die andere Seite, „Undank ist der Welten Lohn“. Übernehme ich eine dieser Auffassungen, so ist das Selbst mit der öffentlichen Meinung identisch und deshalb unbewusst. Diese Meinung löst den Konflikt für mich, indem ich mich ihr gemäß verhalte. Das Ich unterliegt allzu gerne einer bequemen übernommenen und damit unbewussten Moral oder geistigen Einstellung, um seine Probleme zu lösen. Und wie C.G. Jung oben erwähnt, ist das unbewusste Selbstopfer noch kein sittlicher Akt, sondern nur ein Geschehen.

Es besteht aber auch die Möglichkeit, je nachdem ob es mein inneres Selbst (Unbewusstes) verlangt oder mich sogar dazu drängt, ein anderes Verhalten zu wählen. Der Ärger um das Geschenk ist jetzt ein einfaches Beispiel, das individuelle Selbst kann es besser. Seine Forderungen können schon sehr schmerzhaft sein und ans Mark (Balzac’s Märtyrerblut) gehen, denn sie sind fähig, das ganze Leben mit seinem Sittenkodex auf den Kopf zu stellen. Ich muss mich nämlich jetzt um Bewusstsein zu erlangen meinem egoistischen Anspruch, den ich dem anderen gegenüber habe, beugen, d.h. ein Selbstopfer erbringen, indem ich gegen meine Ich-Einstellung angehe. „Warum sollte er sich bedanken. Was führt mich zu dieser Einstellung? Warum empfinde ich diesen Ärger?“ Dies führt mit Sicherheit zu einem Widerstand des Ich, es gibt genügend Gründe, das er sich bedanken sollte (was habe ich für dieses Geschenk alles geopfert; der Anstand gebietet es, daß er mir ebenfalls etwas schenkt; der Mensch lebt doch von Geschenken, für die er dankbar sein sollte; wer nicht dankbar sein kann, ist ein schlechter Mensch, mit dem ich nichts zu tun haben möchte, d.h. ich benutze das Geschenk als Machtinstrument um ihn für mich zu gewinnen; usw.) und doch versuche ich mich der höheren inneren Macht zu beugen und von meinen egoistischen Standpunkt loszulassen und das kann sehr schmerzhaft für das Ich sein. Dann handle ich weder aus einem Naturtrieb, noch aus einem Moralkodex, sondern mein Weg aus dem Ärger ist ein individueller und der für mich bestimmte. Der Ärger lässt dann nach, weil er nicht verdrängt wurde, sondern er ist mir jetzt bewusst und ich kann über ihn bestimmen und er nicht über mich. Ich bestimme jetzt, wie ich moralisch mit ihm umgehe und nicht ein unbewusstes Verhalten im Zuge eines unbewussten Moralkodex. Hier handelt es sich um ein mir bewusstes moralisches Verhalten. Dabei ist mir sowohl der Sittenkodex bewusst, an dem ich mich bewusst nicht orientiere und es ist mir auch mein natürlicher Trieb bewusst, auch der hat mich nicht mehr in der Gewalt. Ich habe jetzt die Möglichkeit einen 3. Weg, den für mich bestimmten zu wählen. Der könnte darin liegen, dass es mir plötzlich eine Freude macht, daß ich ihm ein für mich wertvolles Geschenk geben konnte. In diesem Falle habe ich meine vorherige Einstellung und den damit verbundenen Ärger gegen eine höherwertige Einstellung ersetzt, die mein Selbst entschieden hat und damit nicht einem Sittenkodex entstammte.
Die Selbsterkenntnis erfordert auch das Sich-selber-Sammeln, durch welches all das Zerstreute und Vielfältige das in mich einströmt und nun dort vorhanden ist, seine Stellung behauptet, sich erhöht und zur ursprünglichen Gestalt des Einen wird. Durch diesen Akt wird die jeweilige Ichhaftigkeit oder der egoistische Standpunkt auch aufgegeben, dadurch erweitert sich der Kreis des Bewusstseins und durch das Bewusstmachen der Paradoxien (ein Geschenk, ist auch kein Geschenk) erlahmen die Konfliktquellen, denn es gibt nichts, von dem es nicht auch das Gegenteil geben würde. Ein Zitat soll dies verdeutlichen:
„Suche ihn [nämlich Gott] von dir selber aus und lerne, wer es ist, der alles überhaupt in dir sich zueignet und spricht: Mein Gott, mein Geist …, mein Verstand, meine Seele, mein Körper, und lerne, woher Trauer und Freude und Lieben und Hassen und das nicht gewollte Aufwachen und die nicht gewollte Schläfrigkeit und nicht gewollter Ärger und nicht gewollte Liebe kommen. Und wenn du dies genau untersuchst, so wirst du ihn in dir selber finden, das Eine und das Viele, entsprechend jenem Tüpfelchen, in dem er von dir selbst seinen Ausgang nimmt.“ (Hypolytus, Elenchos, z. n. C.G. Jung, GW 11, S. 280)
Dies alles besagt nicht, dass ich keinen Standpunkt mehr habe, denn ein Standpunkt ist die Aufhebung eines Konfliktes; es besagt nur, dass ich einen bewussten „Standpunkt“ in Freiheit habe und weiß damit, dass es von diesem auch das Gegenteil gibt. So wird Wandlung des Ich möglich.

Es erschließt sich von selbst, dass das reihenweise unbewusste Opfern und sich damit selbst vergewaltigen aufgrund dessen, dass es jemand sagt, sinnlos ist. Es muss aus einem selbst kommen, „suche ihn von dir selbst aus…“.
Das hier Gesagte möge nur einigen Wenigen eine größere Klarheit verschaffen oder zum Nachdenken, sich-selber-sammeln, anregen und ihm möglicherweise helfen, nach längerem Bemühen, sich von seinem “ Ärger“ zu befreien. Im Grunde kündigt sich jede Entwicklung, das was jetzt sein muss, von selbst an. Man muss nur hinhorchen und dabei bleiben. Das nicht Verdrängen sondern aufmerksam Sein, ermöglicht es die Dinge erst bewusst werden zu lassen, bevor man sich davon trennen kann. Das Ziel ist: nicht verdrängen, sondern Hand in Hand damit gehen, auch mit dem Schlechten und Bösen, was uns nicht gefällt. Das Selbstopfer fordert erst die vollständige Integration, bevor man etwas loslassen und frei seine Handlungsweise entscheiden kann.

Über das individuelle und freiwillige Opfern 2

Hier: Opfer und Moral

„Hinter dem Menschen steht weder die öffentliche Meinung noch der allgemeine Sittenkodex, sondern jene Persönlichkeit, die ihm noch unbewußt ist“ [die ihm aber auch durch ein freiwilliges Opfer seines Ich-Standpunktes bewusst werden kann].
C.G. Jung (GW 11, 390) [in Klammern von mir hinzugefügt]

„Ein jeder muss ein inneres Heiligthum haben dem er schwört, und […] sich als Opfer in ihm unsterblich machen – denn Unsterblichkeit muss das Ziel sein.“
Bettina von Arnim, „Die Günderode“;

„Wir müssen jeder allein sein – allein arbeiten, allein kämpfen, um unsere Kraft, unsere Opferwilligkeit zu beweisen.“
Katherine Mansfield, „Tagebücher“;

Das Opfer und die Moral:
Die Frage der Moral stellt sich im Sinne einer Persönlichkeitsentwicklung dann, wenn der Mensch dem Problem gegenübersteht, was er werden „kann“ (inneres Heiligtum), also einem höheren Ziel, im Gegensatz dazu was er werden „wird“, wenn er ohne Reflexion (Arbeit an sich, Kampf mit sich selbst) seine Einstellung aufrecht erhält und ihr gemäß handelt. Jeder Mensch wird, aus einem angeborenen Individualitätsprinzip, dazu gezwungen moralische Entscheidungen in Übereinstimmung mit sich selbst zu treffen. Aus diesem Zwang ergibt sich eine Verantwortlichkeit gegenüber dem eigenen Ich und andererseits in Beziehung zu den übergeordneten Erfordernissen des Selbst, die sich darin zeigt, was eine Person werden „kann“ und aus diesem Erfordernis tun sollte. Aus dieser Konstellation können sich sehr schwierige individuell Aufgaben und Konflikte ergeben, die das Opfern einer Ich-Position erfordern. Daraus resultierend können die Betroffenen den Eindruck erwecken als ob sie die gesellschaftlichen Vorgaben gar nicht berücksichtigen und doch halten sie damit ein Gleichgewicht innerhalb der Gesellschaft und sich selbst aufrecht.

Die bewusste Entscheidung einen Ich-Standpunkt aufzugeben, ihn also zu opfern, führt vielleicht nicht direkt zu einer persönlichen Befriedigung, im Gegenteil, es kann sein, dass das Ich unter seiner Entscheidung Zeiten des Leidens (Leiden entsteht in höherem Maße durch ungewollte Aufgabe einer Ich-Position) erfährt, sie kann aber wirken, indem sie die Dinge zurecht rückt, d.h. sie stellt ein neues Gleichgewicht her zwischen dem was er sein „kann“ und dem, was er zuvor war. Der Betreffende kommt seinem höheren Ziel näher und damit einem höheren oder erweiterten Bewusstsein im Sinne seines Selbst.G

Über das individuelle und freiwillige Opfern

(Hier nicht im Sinne eines religiösen Rituals)

„Die Moral eines Menschen ist zu beurteilen nach der Fähigkeit, welch großes Opfer er zu bringen bereit ist, ohne dabei an eine Gegenleistung zu denken.“ Konrad Lorenz, „So kam der Mensch auf den Hund“

„Ein Mensch ist immer das Opfer seiner Wahrheiten.“ Albert Camus, „Der Mythos von Sisyphos“

Ergänzende Anmerkung in Anlehnung an die analytische Paychologie: Anschauung über Moral

Der Begriff der Moral ist ursprünglich die lateinische Übersetzung des aus der griechischen Philosophie kommenden Begriffs der Ethik. Die Ethik geht der Frage nach, wie Menschen Lebenssituationen richtig beurteilen und darin sittlich handeln können. Ethik beschäftigt sich auch mit der Frage nach dem sinnvollen Leben. Sie konzentriert sich auf die mögliche Verwirklichung des Guten. In der Antike war die Ethik in der Schöpfung gegeben und seit Kants kategorischem Imperativ sollte sie durch die Vernunft des Menschen verwirklicht werden. Unter Moral werden die sittlichen Grundregeln verstanden, die der Einzelne für sich und sein Leben mit anderen annimmt. Von daher gibt es viele moralische Grundhaltungen. Es ist also die Frage, was in der Moral wirkt, die gepredigte Zurückhaltung von einer Zügellosigkeit oder eher eine innere Not, welche die Wirklichkeits-Grenzen setzt die überzeugender ist als jegliche moralischen Grundsätze?

Die animalischen Triebkräfte aus der Verdrängung ins Bewusstsein zu holen, heißt daher, sie nicht mehr zu verdrängen, noch sie auszuleben, sondern sie in ein sinnvolles Ganzes einzuordnen. Dies wird dann auch dazu führen, dass der Mensch seine eigenen Schattenseiten besser erkennt und damit den anderen auch besser verstehen lernt. Man ist doch all zu sehr geneigt, die eigenen Vergewaltigungen, die man der eigenen Natur antut auch auf die Anderen zu übertragen. Die Moral ist insofern eine Funktion der menschlichen Seele und so alt wie die Menschheit. Es ist nicht das Gesetzt a priori im Menschen vorhanden, sondern das moralische Wesen ohne das ein Zusammenleben gar nicht möglich wäre.

Erst mit dem Erreichen des Bewusstsein und dessen Relativität entsteht der moralische Konflikt, der nicht durch Gesetze und Regeln zu lösen ist. Die eigentlichen individuellen moralischen Probleme treten ja erst dann auf, wenn das Individuum sich gegen kollektive Normen abgrenzen muss, wenn es sich nicht an Autoritäten, Regeln und Gebräuchen anlehnen kann. In diesem Konflikt muss das Individuum möglicherweise etwas opfern, vielleicht gerade sein moralisches Selbstbewusstsein oder auch die Illusion eine freien Ich-Willens. Demnach stellt sich das Problem der Moral dann, wenn der Mensch vor der Entscheidung steht, was er werden „kann“ im Gegensatz zu dem, was er werden „wird“, wenn er ohne Reflexion seine Entscheidungen aufrecht erhält. Jeder Mensch wird dazu aufgefordert moralische Entscheidungen in Übereinstimmung mit sich selbst zu bringen, denn der Konflikt der Gegensätze wirft schon das moralische Problem der Persönlichkeit auf.

Spuren im Sand – Gedanken in Muße zur Muße

(Ein Beitrag zur Selbsterkenntnis)

Ich habe mich jetzt 1 Woche, ebenso wie der Leser, mit der Muße beschäftigt und die Augenblicke „passiv“ auf mich zukommen lassen, ob sich mir selbst die Muße in irgendeiner Weise fassen lässt, sie mich innerlich ergreift und wandelt. Es waren die Nächte, in denen sie mich aufmerksam werden ließ. Es war für mich ein ebensolcher Versuch, wie es alle Dinge im Leben erfordern über die man sich eine eigene Ansicht bilden muss, weil man innerlich dazu aufgefordert wird, die man auch selbst vertreten kann, die sich also aus dem eigenen Selbst passiv aber als notwendig, ergibt; dies ist immer ein einsames Wagnis! Außer sich selbst hat man kein Netz, dass einen auffängt. 

Warum ich auf dieses Thema stieß? Diese Frage läßt sich mir nur durch die Selbstregulation meines seelischen Inneren also aus Passivität beantworten. Es war wohl die richtige Zeit dafür, die Zeit der Befruchtung, die ich unbewusst spürte. Es war kein bewusstes Herangehen mit einem bestimmten Ziel. 
Jedes angeführte Zitat der letzten Tagen fügt sich mir in eine seelische Selbstregulation sowohl des Autors als auch des Lesers und es ist kein Zufall, dass man dies liest oder daran arbeitet, ebensowenig wie all das kein Zufall ist, was man unbewusst tut. Tut man es in Muße und aus Muße, d.h. man schaut sich genau an, was man da tut, wird es zu einem prozesshaften Geschehen, das, wie Schlegel es nennt, im „Paradies“ endet.

Im Müßiggang leben bedeutet, in Freiheit zu leben, der man von Natur aus ist!

Diese Freiheit, zu sein, der man ist, umfasst den ganzen Menschen, d.h. das Bewusste und das Unbewusste sind in diese Freiheit eingeschlossen. Denn erst die Freiheit in der Muße erfasst aktiv die Passivität, so dass sich der Müßiggänger frei in seinem Handeln entscheiden kann. Diese durch das Zusammentreffen von Aktiv und Passiv oder Bewusst und Unbewusst, entstandene Freiheit in der Entscheidung, ist es, die glücklich macht, da man sich an nichts gebunden fühlt – alle Ketten und damit Verhaftungen sind gesprengt. Man ist darin authentisch und weiß, was man tut, im Gegensatz zu dem, „denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Damit schließe ich auch die Freiheit ein, den Rat eines anderen erst abwägen zu können und mehr ich Selbst zu sein. Dies entfernt mich von unüberlegtem egoistischem Handeln, da ich in meine Entscheidungen auch Anderen mit einbeziehe; es entfernt mich aber auch gleichzeitig von Hörigkeit, in der ich mich selbst außen vor lasse. Diese gilt für alle Fragen des Lebens.

Muße bewegt sich nie in eine Richtung, sondern in Gegensätzen. Die Gegensätze machen erst ihre bewegende Kraft aus – das Gute folgt dem Bösen und umgekehrt, wie sich im „schlechten Gewissen“ zeigt. In Muße befinde ich mich ja nicht nur in guten Zeiten, auch in den lasterhaften und schlechten Zeiten ist sie mein Antrieb. Erst wenn der Drang zur Zerstörung zur positiven Kraft wird entsteht das künstlerische und damit schöpferische Werk. Erst die schöpferischen sind die „göttlichen“ Taten, die nichts aus Absicht tun. 
In der Muße ist man sich selbst Pfadfinder auf einem Weg des nutzlosen Nutzens oder eines schöpferischen Nichtstuns. Ein stetes Kommen und Gehen. Nichts, das man aufhalten kann, nichts, das man will und doch weiß man, was man tut. Jeder folgt seinen eigenen Spuren und seine Abdrücke sind das, was er im Sande festhält um sich dann wieder auf ein neues Geschehen einzulassen. 

Im Müßiggang folgt man dem was ist und nicht dem, was sein soll; man ist im hier und jetzt und da ist alles, wie es sein soll. In der Muße sind die Dinge nicht voller Hoffnung eines aufgeblähten Ich, wie etwas werden sollte, es herrscht kein Gedanke in bloßen Vorurteilen oder Meinungen, sondern in ihr ist, was ist. Ein Anspruch auf Wahrheit und damit Veränderung hat keine Priorität. Die Muße sucht nicht, sie ist das Ergebnis der Suche. Sehnsucht und Leid werden zur beschaulichen Kraft. Man fügt dem Leben nichts hinzu und nimmt ihm nichts weg und wird doch vollständiger, zu Recht ein heiliges Kleinod, wie Schlegel meinte, das uns aus dem Paradies geblieben ist.

Oder: was wie ein Laster beginnt, endet in einem vollständigeren Menschen.

In Muße zu leben, hebt den Zufall auf und das Leben wird selbstbestimmter, nicht zu verwechseln mit ichbestimmter. 
In der Muße kann man sich stets nur vorfinden. „Ich finde mich in der Situation, in dem Gedanken vor, in dem ich gerade bin.“ Dies bedeutet, dass in diesem Moment nicht mein Ich mit seinem Machtstreben über mich herrscht, sondern es umfasst mich das Sein, wie es gerade ist. Ich kann mich lassen. Insofern muß man das Beobachten der Muße, die eine mindestens ebenso große Macht wie das Ich besitzt (wenn nicht eine Größere), zunächst zu akzeptieren erlernen und dann versuchen ihr zu folgen. Ich folge also dann nicht mehr nur meinem Ich, in seinem Drang nach stetem Verändern-Wollen sondern der Wandel kommt aus meinem Innersten, durch die Selbstbetrachtung in der Muße. Es ist der Wandel durch Passivität. Ich lerne durch das Anschauen der Passivität, die Dinge zu sehen wie sie sind und nicht, wie sie sein sollten. Der Drang des Ich herrschen und beherrschen zu wollen, tritt dann immer mehr in den Hintergrund. Jetzt übernimmt die Passivität oder die Muße die Führung. Ebenso wie ein Schriftsteller seine Handlungsfiguren in seinen Werken passiv schafft, so schafft die Muße den Lauf des Lebens. Große Gedanken kommen aus der Passivität, sie lassen sich nicht durch Wollen und Agieren produzieren. Deshalb wohl Goethes Rat, an den Tagen an denen man nicht „in Muße“ leben kann und nicht aus der Passivität schaffen kann, lieber im Bett zu bleiben und die Zeit zu verschlafen. Goethe kannte wohl den „geschäftigen Müßiggang“ sehr gut und wußte ihn von aller Veränderung durch ein Wollen zu unterscheiden. Insbesondere, was sein künstlerisches Schaffen und damit Werden anbetraf. Ich denke er wurde durch seine Kunst aus der Muße und dem daraus resultierenden prozesshaften Schaffen, zu dem, was er auch in seiner Persönlichkeit war. So erging es wohl allen großen und damit weisen Menschen.

Ein Wollen führt zum herrschen und beherrschen wollen, die Muße führt zum gelassenen Lassen können, in dem selbst der Wandel gelassen hingenommen werden kann.

Dabei möchte ich meine Meditationen heute belassen. Die Zeit, die ich mir gab, war zu kurz.

Weitere Gedanken kommen, wenn sie kommen. Ich möchte sie nicht forcieren oder weiterhin mich und den Leser in Zitaten oder sonstigen Assimilationen wiederfinden. 

Eine Eigenschaft der Muße: sie hat Zeit, viel Zeit.

Daher möge es mir verziehen sein, es mit dem einen Zitat aus der Zen-Weisheit zu beenden, das die Muße für mein Verstehen und dem, was ich oben sagen möchte, sehr treffend formuliert: „Wer still sitzt und nichts tut, sieht wie der Frühling kommt und alles wächst von selbst.“

Resümee aus dem 7-tägigen Zitate-Müßiggang

Ich habe als Resümee durch die kurze Reise in der langen Tradition des Müßigganges (nicht nur literarisch, sondern auch philosophisch) einige Zitate ausgewählt bevor ich meine „Gedanken in Muße zur Muße“ vorstellen möchte, die die Relevanz der Muße, auch in der heutigen Zeit, verdeutlichen sollen. Sie ist nicht nur eine Lebenseinstellung, die zu einem glücklicheren Leben führen kann, sondern auch erforderlich für ein selbstbestimmtes Leben.
Anton Tschechow:
„Wenn du das Leben begreifen willst, glaube nicht, was man sagt und was man schreibt, sondern beobachte selbst und denke nach….Lebe dein Leben und Amen“
Friedrich von Schlegel:
„Und doch ist das Sprechen und Bilden nur Nebensache in allen Künsten und Wissenschaften, das Wesentliche ist das (eigene) Denken und Dichten, und das ist nur durch Passivität möglich.“ 

„Um alles in eins zu fassen: je göttlicher ein Mensch oder ein Werk des Menschen ist, je ähnlicher werden sie der Pflanze; diese ist unter allen Formen der Natur die sittlichste und die schönste.“

Johann Wolfgang von Goethe
„Ihr lasst mich nicht, ihr bleibt dabei, 

Begehret Rat, ich kann ihn geben; 

Allein, damit ich ruhig sei,

Versprecht mir, ihm nicht nachzuleben.“
Einen Vergleich zur fernöstlichen Philosophie möchte ich mit Laotse nur andeuten:
„Tue nichts und alles ist getan.“

Zur Notwendigkeit des Müßigganges 7

Johann Wolfgang von Goethe
„Schreiben ist geschäftiger Müßiggang.“ 
„Mein Rat ist daher, nichts zu forcieren und alle unproduktiven Tage und Stunden, lieber zu vertändeln und zu verschlafen, als in solchen Tagen etwas machen zu wollen, woran man später keine Freude hat.“
„Nur darf er (der Mensch) sich nicht gehen lassen; er muss sich kontrollieren; der bloße nackte Instinkt geziemt nicht dem Menschen.“