Notwendigkeit des Schweigens

 

Im Schweigen wird die Leere zur Fülle
Das wirklich Schöne entspringt dem Schweigen
Nur das aus dem Schweigen Entstandene ist einzigartig

Die innere Stille des Schweigens ist unser sicheres Netz
Das Schweigen ist vergleichbar mit dem Tod,
wer nicht schweigen kann, kann auch nicht ruhig sterben

Einsamkeit leben, bedeutet Schweigen lernen
Das Schweigen stützt und schenkt weiten Raum
Das Schweigen bringt die Tiefe ins Selbst

Das Schweigen schafft die Anwesenheit für den Augenblick
Das Schweigen schafft die Ruhe im Gespräch
Das Schweigen schafft das befruchtende Miteinander

Einzigartigkeit

 

Jedes Wesen ist einzigartig
und damit beispiellos

Mein Sein ist nicht Dein Sein
Dein Sein ist nicht Mein Sein

Unser Sein ist verschieden
Es trifft sich nur im Eins Sein

Im Einen werde ich zum Du
Im Einen wirst „du“ zum „Ich“

Es ist mehr als die Liebe
Da es die Liebe bedingt

Im Einen ist Sein und Nicht-Sein
Vereint wie der Säugling mit der Mutter

Erst die Trennung macht ihn einzigartig
Die schmerzhafte Teilung aus der Ganzheit

In die Ganzheit geht das Wesen zurück
Unwissend und doch beständig

Erst im Ganzen ist der Mensch eins
Die unberührte und doch gespürte Ganzheit

Des Menschen Sehnsucht ist die Einzigartigkeit
In Einheit mit der Ganzheit

Wandlungshingabe

 

Lerne zu sein der du gerade bist:
wütend, atemlos, traurig, einsam, ängstlich,
verletzlich, liebesbedürftig, sehnsüchtig….

Bis du spürst nichts
Eigenes mehr zu sein
Das Ich im Weltenstrom

Alles wird das Eine
Jedes lebt das Eine
Du bist Teil des Einen

Leben und Tod im Fluss
Sich der Wandlung hingebend
Stets froh und unbekümmert

Eins mit dem Allesdurchdringenden
Alle Wünsche und Neigungen verlieren
Nicht in Bestimmtheit erstarren

Klugheit und Besserwissen abwerfen
Körperlichkeit abstreifen
Eins mit dem, was alles durchdringt

Die Stimme im Leuchtturm

Clarissa und ihr Mann Santimo waren in ein Dorf nahe der Küste gezogen. Als sie abends im Bett lagen, hörte Clarissa eine wunderschöne Frauenstimme singen, in einer ihr unbekannten Sprache. Die Melodie und die Stimme waren so schön und beglückend, so etwas hatte sie noch nie gehört und erlebt. Sie sprach Santimo an: „Santimo schläfst du schon? Hörst du diese schöne Stimme?“ „Ja“, antwortete er, „es wird der Gesang des Leuchtturms sein“. „Des Leuchtturms?“ fragte Clarissa entsetzt. „Ja, man erzählt sich hier, der Leuchtturm würde zu unregelmäßigen Zeiten zur Paarung aufrufen, indem diese Frauenstimme singt.“ „Und wer ist diese Frau?“ fragte sie. „Das weiß niemand. Sie soll seit Jahrhunderten schon die Menschen zusammenbringen, die sich in ihrer Liebe verirrt haben und beabsichtigten andere Wege zu gehen als den mit den gewählten Partnern. Sie kommen dann als letzte Rettung hier hin, hören den Gesang und sind wieder vereint. Ihre Liebe blüht dann wieder auf, so heißt es hier. Es ist ein richtiger Wallfahrtsort für gebrochene Herzen geworden“, erzählte ihr Santimo. „Welche Sprache ist das denn, was singt sie denn?“

„Das weiß niemand. Den wahren Text kennt keiner. Er ist den Menschen seit ewigen Zeiten ein Geheimnis.“

„Aber wie soll das denn gehen? Nur durch diese Stimme und die Melodie werden doch keine Herzen vereint, die zerrüttet sind“, sagte Clarissa erstaunt.

„Es ist der magische Gesang der Liebe, so heißt es hier“, antwortete er. „Die ältere Dame von Nebenan hat es mir gestern erzählt als du einkaufen warst.“

„Kann man denn eine Liebe heilen, wenn sie zerstört ist?“ fragte Clarissa. „Ich habe immer gedacht, wenn es nicht mehr geht, wenn man sich nicht mehr anziehend findet, ist es besser sich zu trennen. Dann hat man den Mann oder die Frau seiner Bestimmung noch nicht gefunden. Ich denke das kommt sehr häufig vor. Da wird die Frau im Leuchtturm ja oft singen müssen. Ich weiß von vielen Paaren, dass sie nachts von anderen Partnern träumen als denen die sie gerade haben. Die müssten ja dann irgendwann alle hier erscheinen. Zum anderen müssten alle hier im Dorf eine glückliche Beziehung haben.“ Das alles konnte Clarissa sich nicht vorstellen. „Ich will morgen die Nachbarin fragen“, meinte sie.

Am nächsten Morgen suchte sie auch sogleich die alte Dame auf und befragte sie, wie es denn mit den Beziehungen im Dorf aussehen würde. „Die Stimme hört nicht jeder“, sagte sie. „Die meisten im Dorf hören sie nicht. Sie schämen sich deswegen und geben es nicht zu aber sie hören sie nicht. Ich habe es selbst oft getestet, indem ich fragte, haben sie gestern die Stimme gehört und sie sagten ja, aber sie war gar nicht da. Im Dorf ist Unklarheit über die Stimme, die meisten wollen nicht darüber reden, weil sie sie nicht hören. Die Menschen, die die Stimme hören sind wachsam für die Liebe aber nicht für das was der allgemeine Mensch als Liebe bezeichnet, sondern für die reine, die ewige Liebe. Das ist etwas ganz anderes. Sie schauen die ewige Liebe in der Stimme des Leuchtturms. Die meisten Menschen brauchen sich nur, die ewige Liebe braucht aber nicht.“

„Wie ist es mit den Paaren, die die Stimme gehört haben, waren die wirklich wieder vereint?“ fragte Clarissa beeindruckt.

„Es müssen beide die Stimme hören. Wenn sie nur einer hört, reicht das nicht für lange Zeit aus. Sie werden über kurz oder lang vor dem gleichen Problem stehen. Mein Mann ist auch weg. Er hat die Stimme nie gehört. Als wir hierher zogen und ich die Stimmer zum ersten Mal hörte, war ich wie du, ich darf doch du sagen. Ich wollte alles darüber wissen. Mein Mann half mir auch. Wir waren jung verliebt. Ob er sie hörte, konnte ich zunächst nicht erfahren. Ich hörte sie oft nachts, wenn er tief und fest schlief. Als er dann ging, er hatte eine andere Frau gefunden, sagte er mir, die Stimme habe ihn nie interessiert, er habe sich nur meinetwegen so bemüht. Jetzt bin ich mit einem Mann befreundet, der hört die Stimme, das weiß ich genau. Er kommt immer am Wochenende, dann kannst du ihn kennenlernen. Ich denke, die Stimme zu hören ist ein gutes Zeichen für die ewige Liebe, die nur jeder in sich selbst spüren kann. Wenn beide die Stimme nicht hören, mag dies auch gut sein, dann brauchen sie sich oder trennen sich. Aber wenn einer die Stimme hört und der andere nicht, will einer an der ewigen Liebe festhalten und der andere braucht etwas anderes. Die ewige Liebe macht ihn nicht satt. Auch sie werden sich trennen, weil er die Veränderung des Partners nicht ertragen kann.“ Die alte Dame wusste wohl sehr viel über das Leben und die Liebe und insbesondere von der Stimme.

„Aber dann sind die Menschen ja doch füreinander bestimmt“, meinte Clarissa.

„In gewisser Weise schon. Sie dürfen sich aber nicht zerstören, dann ist die Bestimmung verloren. Dies bedeutet, sie dürfen sich nicht brauchen. Sobald sie sich brauchen, hören sie die Stimme der ewigen Liebe nicht mehr.“

„Warum kommen die Menschen nicht zu ihnen und holen sich bei ihnen Rat“, wollte Clarissa wissen.

Sie Dame meinte: „Ich kann sie das Hören der Stimme nicht lehren. Das kann nur die Stimme im Leuchtturm.“

„Warum ist die Stimme wohl in einem Leuchtturm“, fragte sie weiterhin.

„Der Leuchtturm ist eine Warnung vor gefährlichen Untiefen, in die der Mensch der liebt, geraten kann. Der Turm warnt den Menschen, das ewige Ziel, das er ansteuert, nicht zu verlassen.“

Clarissa fand die alte Dame spannender als die Stimme selbst. Was sie alles wusste und wie selbstverständlich das alles für sie war.

Sie meinte weiter: „Wie im Leben sind wir auch in der Liebe nur ein Werkzeug, mit dem wir die Aufgabe der ewigen Liebe zu erfüllen haben. Liebe ist ebenso wenig ein Selbstzweck wie alles andere, was wir als Werkzeug verrichten.“

Clarissa fragte die alte Dame, warum so viele Menschen nachts von einem fremden Partner träumen.

Die Dame antwortete: „Wenn sie das nachts noch träumen, haben sie die ewige Liebe in sich noch nicht erfahren, sie brauchen sich noch. Sie sollten, wenn es ihnen möglich ist, noch mehrmals die Stimme im Leuchtturm hören um davon befreit zu werden.“

„Aber wird denn das Hören der Stimme reichen?“ fragte Clarissa entsetzt.

„Wenn das nicht reicht, haben sie sie nicht gehört“, sagte sie kurz und bündig und Clarissa hatte auch das Gefühl, dass sie jetzt nicht näher in sie eindringen konnte. Sie hatte schon genug gesagt. Aber sie wollte mehr über das Geheimnis der Stimme im Leuchtturm wissen. Als sie sich von der Dame verabschiedete, sagte diese noch: „Versuche nicht die Menschen auf die Stimme hin zu lenken oder gar sie zu testen. Das verleitet sie nicht die Wahrheit zu sagen und zu leben, was sie nicht sind. Ich habe es aufgehört danach zu fragen um ihnen diese Verlegenheit zu ersparen und in eine falsche Richtung zu lenken. Mein Freund war vor vielen Jahren der letzte den ich fragte und es tut mir heute leid. Es war ein Zeichen, dass ich noch einen Gleichgesinnten suchte. Heute weiß ich, dass die ewige Liebe nicht sucht, sondern gibt. Ebenso, wie die Stimme im Turm nicht die Menschen ersucht zu finden, was sie nicht haben, sondern den Menschen gibt, was sie schon haben.“

Sie ging sofort nach Hause und fragte Santimo, ob er gestern Abend auch die Stimme gehört habe. Er meinte ja sicher, das wisse sie doch, sie haben ihn doch gefragt was das für eine Stimme sei und er habe ihr gesagt, was er von der Nachbarin wusste. Daraufhin erzählte sie ihm alles, was sie von der Nachbarin erfahren hatte und dass sie noch mehr wissen wollte.

Sie fragte sich jetzt nur noch wieso die alte Dame Santimo von der Stimme im Leuchtturm erzählt hatte. Sie fragte ihn was er gesagt habe und warum sie ihm das erzählt hat. Er habe nichts gesagt, meinte er. Sie habe gefragt, ob wir wegen der Stimme im Leuchtturm hier seien und da habe er danach gefragt was das für eine Stimme sei.

Die nächsten Tage konzentrierte sie sich sehr darauf, festzustellen, was es wohl in ihr selbst mit der Stimme im Leuchtturm auf sich habe, was denn wohl das Hören der Stimme zu bedeuten habe und wie es sich auswirkt auf die Liebe. Sie sprach mit Santimo nicht mehr darüber. Sie wollte es bei dem Gesagten belassen und weiteres nur für sich feststellen. Außer mit der alten Dame wollte sie mit niemanden darüber reden. Es schien etwas zu geheimnisvolles zu sein, dass man sich durch zu viel Reden nur zerstören können, wie ein Feuer, dass man in sich löscht, obwohl man besser daran täte es zunächst auf kleiner Flamme lodern zu lassen und sich an der kleinen Flamme erfreut.

So fragte sie sich, ob sie Santiomo wirklich so bedingungslos und selbstlos liebt. An manchen Tagen zweifelt sie ihre Liebe zu ihm an aber vielleicht ist es auch nicht die Liebe, sondern nur die Ansicht über ihn. Sie sieht ihn dann negativ. Liebt man nicht, wenn man den anderen kritisiert und sich lieber zurückzieht?

Man kritisiert ja nur, wenn man etwas anderes haben will, wenn man also etwas braucht und wenn man den anderen braucht, hat das nichts mit Liebe zu tun so hatte die alte Dame gesagt. Die meisten Menschen brauchen, lieben aber nicht, deshalb hören auch die wenigstens die Stimme im Leuchtturm.

Es war jetzt 2 Wochen her, dass sie die alte Dame gesehen und gesprochen hatte. Vielleicht war sie krank. Sie wollte einmal nachsehen. Sie besorgte ein paar Blumen und ging zu ihr. „Entschuldigen sie, dass ich sie so unvorbereitet aufsuche, aber ich dachte sie seien vielleicht krank, da ich sie länger nicht gesehen habe.“

„Das ist sehr nett“, meinte die Dame, „aber es geht mir gut. Ich ziehe mich nur gerne zurück. Aber über netten Besuch freue ich mich auch sehr. Komm doch herein und trinke einen Tee mit mir.“ Es gab nichts, was Clarissa lieber getan hätte. Sie nahm dankend an. Sie waren auch sehr schnell in einem Gespräch, dass Clarissa so ersehnte. So meinte die alte Dame:

„Es ist das Ich, das die Menschen so streitsüchtig macht. Dabei hat die Schöpfung es so eingerichtet, dass jeder seine Aufgabe zu erfüllen hat, der eine also den anderen nicht braucht, sondern dass sich beide ergänzen. Aber die Menschen meinen sie haben Defizite, die sie durch den anderen ausgleichen können. Seine Aufgabe merkt man daran, wenn man sie ohne jeglichen äußeren Zuspruch tun kann, wenn man sie also auch in der Abgeschiedenheit verrichten kann und trotzdem wirkt sie auf die Gemeinschaft. Ohne Anerkennung etwas tun heißt aus Liebe etwas tun. Seine Aufgabe in Liebe zu erfüllen, heißt auch, die Menschen selbstlos zu lieben. Man hört dann nicht mehr die Stimme, man ist die Stimme.“

Das wurde für Clarissa immer sonderbarer und geheimnisvoller. Wie sollte sie selbst die Stimme im Leuchtturm sein und das fragte sie denn auch die alte Dame.

„Wir glauben zu sehr an die äußeren Erscheinungen. Was außen ist, ist innen. Mit allem was wir sehen und hören, sehen und hören wir nur uns selbst. Wir schreiben jeden Tag unsere eigene Geschichte und alles was wir erleben sind nur Geschichten, die ebenso gut sich jemand hätte ausdenken können. Durch das Äußere können wir dem Inneren Fähigkeiten hinzufügen. Wir können uns dadurch zur Ganzheit vervollständigen. Alle Geister die wir sehen und hören, sind die Geister in uns selbst.“

Das verstand Clarissa nicht. Wie konnte ihr die Stimme des Leuchtturms eine Erscheinung sein, sie hatte sie doch gehört. Die alte Dame beantwortete ihr die Frage damit, dass das Verstehen nun ihre Aufgabe sei. Sie müsse der Stimme selbst nachgehen um sie zu verstehen, um zu verstehen, was sie ihr sage. Irgendwann würde sie, wenn sie sich darum bemühe, den Gesang und die Melodie in sich aufgenommen haben.

„Die Stimme im Leuchtturm ist seit sie das erste Mal gehört wurde ein Geheimnis, das nicht erklärbar ist. Man weiß auch nicht, warum sie manche hören und andere nicht. Man weiß, dass sie die Liebe beeinflusst und damit das Verhältnis zu den Mitmenschen, man weiß aber nicht wie sie das tut. Wir wollen froh sein, dass es sie gibt und sie nicht durch Erklärungen zerstören. Wer die Stimme hört, gehört zu den Berufenen, wer sie spricht zu den Auserwählten.“ Damit beendete die alte Dame das Gespräch und bat Clarissa nun zu gehen.

Clarissa sah die alte Dame nie mehr. Es hieß, sie habe die Stimme nicht mehr gebraucht und sei jetzt weggezogen ihre eigentliche Arbeit zu tun, die darin bestand, die Menschen in fernen Ländern auf die Stimme im Leuchtturm aufmerksam zu machen. Mit der Zeit kamen auch immer mehr Menschen, auch einsame oder verlassene, zu dem Leuchtturm gepilgert, ob sie wirklich die Stimme hörten, wird ihr Schicksal entscheiden. Es gab keine Schule oder andere Institution, die das Hören der Stimme hätte lehren können. Hier war der Mensch ganz auf sich selbst und seine Fähigkeit zu hören, angewiesen.