Geschichte einer Individuation

Lisa und die unausrottbaren Krokodile 
Die Massen von Schaulustigen standen am Ufer und beobachteten wie Lisa auf dem Rücken von Krokodilen es wagte den gefährlichen Fluss zu überqueren. Sie tanzte regelrecht über den Fluss als hätte sie keine Angst. Aber niemand versuchte es ihr nachzumachen. Alle blieben starr am Ufer stehen und schauten gebannt dem Geschehen zu. Manche sprachen: „Warum bleibt sie nicht am Ufer, hier bei uns? Die ist ja verrückt. Was will sie denn dort drüben?“

Lisa spürte die Fragenden und antwortete sich innerlich: ‚Ja, was will ich da? Ich selbst sein und von der Masse unabhängig sein, das fällt mir primär und ganz spontan dazu ein. Ich würde mir wünschen die Massen würden sich auflösen und alle diese in sich funktionierenden Atome würden Individuen. Jeder für sich und doch zusammen. Ein Führer würde nicht mehr gebraucht, jeder führte sich selbst. Jeder sollte der sein können, der er von Natur aus war. Die Natur, sein inneres Selbst würde sein Führer werden. Die Menschen waren schon egoistischer geworden aber das würde nur ein Übergang sein bis zu dem Zeitpunkt an dem sie merken, dass sie auch gerne geben konnten und von sich aus für andere Verantwortung übernehmen wollten. Der Egoismus rührte aus ihrer Unzufrieden um die tägliche Arbeit die sie zu verrichten hatten und der ihrem „Wohlstand“ dienen sollte. Das muss keine Utopie sein so überlegte sie weiter, weil ich an mir selbst erlebe, dass es geht, wenn man sich lassen kann und lernt sich selbst zu folgen. Ja, was ich tue ist ein Wagnis, das Wagnis von den Krokodilen gefressen zu werden. Aber sie tun mir nichts. Sie spüren wohl, dass ich ihnen auch nichts tue‘.

Seitdem die Menschen in dieser Stadt am Fluss lebten, war der Fluss gefürchtet wegen seiner Krokodile. Er hatte schon viele Menschenopfer gefordert. Menschen, die versuchten sie zu fangen oder zu verjagen. Die Krokodile schnappten erbarmungslos zu, so dass die Furcht der Menschen den Fluss zu überqueren von Generation zu Generation stieg. Selbst in Boote stieg niemand mehr, weil sie von den Krokodilen umgeworfen wurden und das war dann auch das Todesurteil für die Insassen.

Den gefährlichen Weg den Lisa hier beschritt war zuvor noch niemand gegangen. Es war für die Menschen ein unvorstellbares Wagnis, das nur ein Verrückter oder Selbstmörder wagte. Deshalb kamen auch immer mehr, um ihr staunend und mit dem Kopf schüttelnd zuzuschauen. Zurückhalten wollte sie niemand und es sprach auch keiner mehr ein Wort. Die Masse war zur Säule erstarrt. Heute befindet sich auch dort ein Denkmal, dass alle diese staunenden Menschen mit Blick auf den Fluss gerichtet, den es je jemand zu überschreiten wagte, darstellt.
Sie war mitten auf dem Fluss angelangt und konnte nicht mehr zurück. Sie hatte diesen Weg beschritten und musste ihn zu Ende führen. Alles andere wäre sinnlos gewesen. Sie machte einen Augenblick Halt, da die Augen eines Krokodils sie trafen, wie einen Blitz. Es riss das Maul auf, so dass ihr einen Moment der Atem stockte, dann tauchte es aber unter. Ihre sonstige Leichtigkeit des Seins hatte eine Trübung erfahren und sie spürte wieder, wie lebensgefährlich der Weg doch war. Aber sie spürte auch eine innere Kraft und Festigkeit, die sie den nächsten Rücken eines Krokodils besteigen ließ. Sie konnte hier auf die Hilfe von Niemandem hoffen außer auf die der Krokodile, die doch eigentlich die größte Gefahrenquelle für die Menschen waren. Als sie spürte, dass das Krokodil sie ohne ein Zucken trug, bekam sie wieder die nötige Sicherheit und schritt auf den nächsten Rücken. Sie hatte es noch nicht geschafft. Der Fluss war breit und sie musste hoffen auch immer an der richtigen Stelle ein Krokodil vorzufinden und genau dieses Problem irritierte sie im nächsten Augenblick. Vor ihr war kein Rücken, den sie besteigen konnte. Sie drehte sich um. Auch alle die, die sie bereits mit ihren Füßen berührt hatte und die ihr den Weg wiesen, waren verschwunden. Sie war mit dem Krokodil auf dem sie stand scheinbar völlig alleine. Wieder machte sie Halt, geriet aber nicht in Panik.
Die Massen wurden schon von Journalisten und Fotografen befragt, was denn hier genau los sei. Sogar das Fernsehen war da. Jeder berichtete seine Version von dieser verrückten und selbstmörderischen Aktion. Jedes kleine Kind wusste doch schon, dass man dem Fluss nicht zu nahe kommen durfte. Alle mieden den Fluss, man brauchte nur etwas hinein zu werfen, da tauchten diese habgierigen Tiere schon auf und schnappten es sich, egal, was es war. Man hatte schon mit Gift versucht sie zu töten aber sie spuckten aus, was sie nicht mochten. Es war der Stadt bisher nicht gelungen sie auszurotten. Es musste eine ganz besondere Art von Tieren sein. Sie waren in ihrer Bösartigkeit schon so heilig wie der Teufel.
Diese Lisa sei schon immer eine merkwürdige Frau gewesen, wussten einige zu berichten. Niemand schien so richtig Kontakt zu ihr gehabt zu haben. Viel wusste man nicht über sie zu erzählen aber man hatte sich so seine Gedanken und Meinungen gemacht. Sie hatte sich nie großartig irgendjemanden mitgeteilt. Sie war vor ein paar Jahren alleine in die Stadt gezogen. Es wusste auch niemand wovon sie eigentlich lebte. Viele vermuteten sie lebte von der Sozialhilfe. Jedenfalls war nicht viel los mit ihr, darin waren sich ziemlich alle einig. Man hielt die Aktion für die einer psychisch Kranken, die die Aufmerksamkeit auf sich lenken wollte.

Aber Lisa war nicht krank, sie war, sowohl körperlich als auch seelisch, kerngesund und reich. Reich weniger im Sinne von materiellen Dingen, sondern reich im Sinne von der Liebe zum Leben. Sie hatte gelernt, dass alles, was ihr im Leben geschah einen Sinn hatte und ihrem stetigen Wachstum und der Wandlung diente. Selbst der Tod war für sie eine positive Wandlung. Deshalb fühlte sie sich stets sicherer im Leben als alle diese Menschen in der Stadt, die nur von Ängsten beherrscht wurden. Nur Ängste bestimmten deren Leben. Sie hatten nicht nur Krokodile zu meiden, sie mieden es wirklich zu leben. Darum musste sie in den Augen dieser Menschen als krank erscheinen. Sie war anders, weil sie diese Menschen und deren Massen-Veranstaltungen und -Bestrebungen nicht suchte. Alles, was man dort von sich gab, wurde zur Masse und vor ihr beurteilt. Wenn einer „ja“ sagte, zog der Rest nach, ebenso bei einem „nein“. In der Masse hatte sich niemand wirklich selbst. Sie waren nur das Atom eines in sich funktionierenden Apparates. Ein Apparat, der von Impulsen lebte und starb. Ein neuer Impuls löste sogleich eine Bewegung in der Masse aus, die in die gewünschte Richtung des Impulsgebers verlief. Die Menschen, die glaubten sie seien Individuen waren in Wirklichkeit nur ausführende Organe eines Impulses. Auf die Masse war Verlass. Die Masse gab die Sicherheit die sie in ihrem verängstigten Leben suchten. Die Masse gab die Richtung für ein gutes Leben. Mit entsprechenden Impulsen konnte man sie bewegen, wohin man wollte. Nur über Krokodile schritten sie nicht, das schien gewiss. Hätte je jemand es gewagt, Krokodile für harmlose Haustiere zu halten, wären wahrscheinlich einige ihr gefolgt. Nein, Krokodile waren seit Generationen die gefährlichsten Raubtiere der Gegend und das war den Menschen in Fleisch und Blut übergegangen. Nur Lisa nicht, sie war zugezogen. Sie kam nicht von hier, so sagte man sich. Sie wusste nicht, was sie da tat.

Lisa wusste, was sie tat und Lisa wusste auch um die Gefährlichkeit ihres einsamen Weges. Sie wollte keine Aufmerksamkeit oder Bewunderung in der Masse wecken. Lisa ging den Weg für sich selbst. Es war ihr Weg und sie musste ihn gehen als ihren ganz individuellen Weg. Dazu gehörte auch ein Scheitern und der Tod, gerade dass musste sie erfahren und für sich akzeptieren. Das brauchte sie um frei von einer fremden Führung zu sein. Die Gefahr der Krokodile sollte ihr inneres Schild werden. Sie hätte nicht gewollt, dass ihr jemand folgt, denn man kann einen bereits beschrittenen Weg nicht wiederholen oder nochmals gehen. Jeder Weg ist anders und birgt seine eigenen Gefahren.
Lisa wusste, dass es gar nichts brachte, etwas einfach nachzuahmen oder mitzumachen.

Das waren die Verhaltensweisen aus noch unselbständigen Kindertagen die im Erwachsenenalter noch gefährlicher werden konnten als in der Kindheit. Als Erwachsener musste man schon versuchen stets Distanz zur Meinung der anderen zu bewahren und sich sein eigenes Urteil bilden in das die eigenen und ganz persönlichen Erfahrungen und Erkenntnisse einfließen konnten und indem man darüber nachdachte, inwiefern man in seinem Ego betroffen oder gar gekränkt war. Jeder lernte nur aus seiner eigenen Geschichte, die er stets mit sich trug und einen maßgeblichen Einfluss auf sein Verhalten hatte. Bei allen Urteilen sollte man daher auch bei seiner eigenen Geschichte beginnen, in welchem Bezug sie zu meinem Urteil und dem übernommenen Wert steht. Jeder musste seine eigenen Geschichte erst überwachsen und damit überwinden. Langsam bilden sich dann eigene Werte aus der eigenen Natur, die den eigenen Weg pflastern. Eine Massenbildung ist nicht die Lösung eines Problems. Sie bewirkt das Gegenteil, von dem, was man eigentlich wollte, denn sie kann aus der eigentlichen Sehnsucht nach Liebe die man bei anderen sucht, Hass und Zerstörung entstehen lassen.
Lisa stand noch immer in der Mitte des Flusses auf dem Rücken des Krokodils, das sich wie sie, nicht bewegte. Als hätte es die Aufgabe, Lisa, dort so stehend, für immer festzuhalten. Die Zeit wurde zur Ewigkeit. Die Masse wurde unruhig, konnte ihr aber nicht helfen und mit Worten schon gar nicht. Sie hätte sie nicht gehört, so laut wie es wurde, denn alle sprachen durcheinander. Aber sie hatte Sicherheit, weil sie wusste, dass dies ihr Weg war und dass sie nur auf diesem, ihrem eigenen Weg wachsen und sich wandeln konnte. Ihr eigener Weg war die Bedingung für ein zufriedenes Leben. Lebten doch die meisten Menschen mit der Angst zu versagen, weil man es Ihnen so beigebracht hatte und sie dadurch besser beherrschbar waren. Versagens-Ängste und der daraus resultierende Misserfolg war ihnen das schlimmste was passieren konnte. Die Menschen hatten Angst vor ihrem Leben und es wurde ihnen immer mehr Angst gemacht, dabei sollten sie Sicherheit in sich Selbst haben. Sie sollten das Leben bedingungslos lieben und ihm vertrauen können bis in den Tod und möglicherweise noch darüber hinaus. Dafür war aber ein gewisser Alleingang nötig. Der Gang, zu sehen, wer man eigentlich war außerhalb eines funktionierenden Atoms in einer Masse von Menschen und deren Werten. Der Mensch war führbar, solange er nicht um seine Einzigartigkeit und sein wahres Menschsein wirklich wusste. Er hatte sie nicht in sich verinnerlicht, sondern glaubte nur es zu sein, weil die Masse ihm die Vorgaben äußerlich anlegte. Nur wer von seiner Einzigartigkeit bewusst weiß, kann dem Anderen seine Einzigartigkeit ohne Widerspruch lassen und damit neben ihm leben ohne ihn sich gleichmachen zu wollen. Der einzigartige, gewandelte Mensch war anders als der Mensch der Masse.
Lisa wartete mit dem Krokodil, dass sie auf ihrem Rücken trug. Sie hatte schon eine intensive Verbindung zu ihm, da es sie nicht verließ. Die Gefahr wurde ihr zur vertraulichen Instanz, die Lisa nicht mehr ängstigen konnte. Die Sonne verschwand am Horizont. Wie viele Stunden war sie schon unterwegs? Sie wusste es nicht. Die Masse lichtete sich. Es wurden weniger Menschen die sie am Ufer zurückließ, immer weniger. Mit dem Einbruch der Dunkelheit, waren kaum noch Menschen zu sehen und mit dem Augenblick als die Masse ganz verschwand kamen die Krokodile wieder hoch. Eines nach dem anderen bot Lisa seinen Rücken dar und bildete so den Weg ans andere Ufer, den Lisa bequem nutzen konnte. Keines der Tiere tat ihr etwas. Dass sie verschwunden waren, musste mit den vielen Menschen zu tun haben. Die Krokodile hatten ebensoviel Angst vor der Masse Mensch, wie die Menschen vor den Krokodilen. Auch hier zeigte sich, wie Gewalt entfremdet und zerstört. Dabei unterschieden sich doch die Menschen durch ihre Vernunft von den Tieren. Aber es war keine liebende, mit Demut verbundene Vernunft, die sie regierte. Es war eine mehr von den Trieben und Bedürfnissen gesteuerte Vernunft.
Luisa hatte den schwierigen Weg mit viel Geduld und Vertrauen in sich selbst geschafft. Sie war daran gewachsen und nun musste sie des Weges weiter schreiten, von dem sie nicht wusste, wohin er sie jetzt führen würde. Aber eines wusste sie, ihre Mission würde im Zeichen der Liebe, der Vereinigung stehen und nicht in der, Gewalt zu säen und Leben zu trennen und zu zerstören. Denn sie war sich jetzt nach der Flussüberquerung noch sicherer, dass eine Liebe in ihr war, die nie starb also unzerstörbar war. Die Neigung zur Zerstörung konnte sie mehr und mehr, mittels ihres Erkenntnisvermögens, ablegen und ein friedvoll liebender Mensch werden, denn nur die Liebe war das ewig Bleibende. Sie konnte noch mehr ihr Selbst, ihren innersten Kern, leben und brauchte nicht mehr diese Kraft zur Verteidigung eines imaginären Lebens, eines Lebens, dass die Menschen in den Massen so sehr vereinigte. Sie konnte die Welt noch mehr nehmen wie sie ist und versuchte immer weniger, sie nach ihrem Bilde zu Recht rücken zu wollen. Sie hatte jetzt die Haltung einer liebenden Vernunft angenommen.

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