Kurzgeschichte: „Die saure Frau Schmitz und der Gesinnungslump“

Die saure Frau Schmitz und der Gesinnungslump

Frau Schmitz lebte in einem schönen großen Haus alleine. Sie brauchte nicht zu arbeiten, da ihr Mann ihr ein reichliches Vermögen nach seinem Tode hinterlassen hatte.

Frau Schmitz stand jeden Morgen gegen 9.oo Uhr auf, machte Frühstück, lass die Tageszeitung und verrichtete die Dinge, die sie täglich zu tun hatte. Heute Morgen als Frau Schmitz aufstand, war sie sauer. Da sie viel Zeit und Muße hatte, dachte sie auch viel über sich nach und so machte sie auch diese Stimmung sehr nachdenklich. Missmutig bereitete sie wie gewöhnlich ihr Frühstück und lass die Zeitung. Sodann klingelt es auch schon. Es war der Briefträger: „Morgen Frau Schmitz. Hier habe ich ein Einschreiben für sie. Wie ist es ihnen denn heute.“ „Es muss“, antwortete sie kurz und bündig. Sie wollte heute kein Gespräch. Der Briefträger verstand die versteckte Botschaft und zog ab. Wieder alleine, öffnete Frau Schmitz den Brief, lass ihn und regte sich wahnsinnig auf. Die Aufregung ließ sie nicht los. Es ist unnötig zu erwähnen um was es genau ging. Es war eine Lappalie. Aber Frau Schmitz musste sofort an ihre Schreibmaschine und ihrem sauren Unmut Luft verschaffen. Sie schrieb einen, der Sache wirklich nicht angemessenen, aggressiven Brief und warf ihn auch sogleich in den Briefkasten um der Sache ein Ende zu bereiten, so dachte sie.

Es ging ihr aber nicht besser. Sie blieb sauer. Die Sache hatte ihren Zustand nicht verändert. Auf dem Heimweg traf sie Herrn Schuster, einen Andersgesinnten, ihrer Meinung nach einen Opportunisten, der seine Meinung immer so vertrat wie die Herde es vorschrieb. Er machte ihrer Meinung auch wieder alle Ehre. Was er über die Ausländer von sich gab, war wieder unter aller Würde. ‚Der passt mir heute noch in den Kram. Ich habe nie etwas besseres von ihm gedacht als das was er von sich gibt. Was soll ich mit dem machen. Der geht mir auf die Nerven. Es gibt aber zu viele Gesinnungslumpen. Was macht man mit all denen?’ Sauer, wie sie war, entschloss sie sich, ihm aus dem Wege zu gehen.

Wieder zu Hause angelangt, konnte sie unmöglich ihrer alltäglichen Arbeit nachgehen, sie war zu sauer und unmutig wegen der Gesinnungslumpen. Die waren es doch Schuld, dass sie so sauer war. Es war doch nichts, wie sie es sein sollte. Sie wollte ja ihre Arbeit tun aber schließlich fiel ihr ja alles aus den Händen. Nichts ging ihr heute von der Hand, so wie sie es eigentlich gewöhnt war. Zudem behandelte man sie eigentlich immer respektvoll und fand ihre Meinungen gut. Aber dieser Herr Schuster war wirklich das Letzte. Heute ging aber auch gar nichts. Heute war ein schlechter Tag. Heute brauchte sie förmlich den Herrn Schuster, damit sie sich daran noch aufreiben kann. Sie brauchte die Gesinnungslumpen, weil sie auf etwas sauer sein musste. ‚Es muss ja schließlich von außen kommen, dass ich so sauer bin. Warum sollte ich von mir aus sauer sein? Erst der Briefträger und der Brief, dann auch noch der Schuster, das reicht einem doch um den Tag zu verderben.’

Eigentlich war sie sauer, weil sie sich nicht in der Gewalt hatte. Sie war sauer, weil etwas anderes sie in der Gewalt hatte. Dies waren nicht die Gesinnungslumpen und auch nicht der Briefträger oder der Brief, dies war eine unbestimmte Gewalt die sich nicht bestimmen lässt. Eine Gewalt der man nicht sagen kann, so, du tust jetzt wie ich dir sage, sondern die tut selbst und man hat sich ihr unter zu ordnen. Die Gesinnungslumpen sind nur ein Beweis dafür, dass sich nichts so einrichten lässt, wie man es gerne hätte. Ich kann weder mir selbst, noch der Welt das Handeln vorschreiben ohne dass beides sauer wird.

Aber wir sind auch alle Gesinnungslumpen solange wir noch auf die fremde Stimme in uns horchen, die Stimme, die uns sagt, was die Herde denkt. Solange wir nicht den Mut haben auf unsere eigene innere Stimme unseres Selbst zu hören. Die ist erst dann da, wenn wir ganz auf uns selbst hören und nicht mehr darauf wie es sein sollte.

Wenn wir sauer sind, kann der Grund auch die fremde Stimme sein, die uns etwas zu sagen hat. Wer weiß, was Frau Schmitz geträumt hat.

Gedacht, getan, begann Frau Schmitz noch am gleichen Tage ihr Selbst zu suchen. Bei allem, was sie tat horchte sie in sich und fragte sich, ob es das wohl jetzt sei. Es war es wohl nicht, denn sie musste weiter suchen. Tage, Wochen, Monate, sogar Jahre suchte Frau Schmitz ihr Selbst und wurde dessen nicht müde. Ein Gesinnungslump wollte sie mit aller Gewalt nicht sein. Sie suchte und suchte. Sie hatte schon vergessen, was sie eigentlich suchte. Jedenfalls fand sie es nicht. Sie holte sich Anleitungen, machte täglich mindestens 1 Stunde Übungen zur Selbstsuche aber nichts, nichts stellte sich ein. Sie konnte schon nicht mehr aufhören zu suchen, weil das Suchen schon ihr Leben strukturierte. Weil ja alles, was sie tat und dachte, durchleuchtet wurde ob es das jetzt wohl war, was sie suchte. Hatte sie dann bei dem einen oder anderen das Gefühl, das war es, nahm sie es für sich auf und wollte es ganz fest halten. Sie wollte es in sich einpflanzen wie einen Baum und es täglich kultivieren. Sie hatte es richtig lieb gewonnen, das was sie da festgehalten hatte. So arbeitete sie täglich einige Stunden in ihrem wunderschönen Garten. Das war sie, stellte sie dann stolz fest, das gehörte zu ihr. Aber was unterschied sie von Herrn Schuster, der baute täglich an seinen Modellflugzeugen, das gehörte also auch zu ihm. Sie mochte Herrn Schuster nicht, der lebte bestimmt nicht sein Selbst. Ja, sie gab sich Mühe, große Mühe. Alles wurde festgehalten und analysiert. Wo war das Selbst? Immer wieder stellte sie sich diese Frage. Große Probleme hatte sie mit dem, was sie nicht für sich annehmen wollte, dass man aber doch zu sein hatte. So war sie z.B. nicht sehr leidenschaftlich, die Sexualität vermisste sie nicht in ihrem Leben, was niemand verstand. In der heutigen Zeit, in der sexuellen Befreiung, muss man auch voll und ganz Sexualität leben. Für Frau Schmitz galt das nicht, sie machte sich nicht viel daraus, sie litt etwas darunter, weil sie ja offensichtlich verklemmt oder dergleichen war. Eine Freundin von ihr konnte gar nicht ohne Sexualität sein. Sie hatte da wohl gesellschaftlich einen besseren Status. Solche Dinge brachten sie immer wieder ans Zweifeln, wie weit es wohl mit ihrem Selbst sei. Immer wieder lass sie nach, was es denn wohl sei und wie es sich bemerkbar machte. So wartete sie darauf, dass das was geschrieben stand, sich bei ihr einstellte. Irgendwie war sie so auch ein Gesinnungslump. Ihr Selbst war damit abhängig von einer Gesinnung, wie sie geschrieben stand. Als wäre ihr Selbst etwas Opportunes, was es ja gerade nicht sein sollte.

So verbrachte sie viele Stunden mit dem Warten und Horchen auf ihr Selbst. Ihr ganzes Wesen konzentrierte sich darauf. Sowohl in der Theorie als auch in der Praxis beschäftigte sie sich mit nichts anderem mehr, sie war völlig gefangen von dieser Idee. Ein Psychologe hätte ihr Verhalten wahrscheinlich als einen Selbstkomplex bezeichnet und so fühlte sie sich auch, als wäre sie von einem Komplex besessen. So wie manche Leute von Gott oder vom Teufel besessen sind. Aber sind nicht alle Menschen besessen von ihren Ideen von sich und ihrem Leben, wie ihrer Familie, ihrem Häuschen oder ihrer Arbeit und ihren Zielen. Halten sich nicht alle Menschen wie besessen an etwas fest und wenn es wie im Falle von Frau Schmitz ihr Selbst ist. Sie verlieren den Sinn und verfallen in tiefe Trauer, wenn ihre Vor-Stellung vom Leben nicht Realität wird.

Dies bedeutet, dass das Selbst keine Vor-Stellung vom Leben ist, dass das Selbst zu leben schon der Sinn ist. Das Selbst zu leben bedarf keiner Planung oder Idee von sich. Das Selbst lässt sich nicht festhalten. Sobald man das Selbst plant und festlegt, wird man zum Gesinnungslump.

Ab jetzt tat Frau Schmitz nichts mehr für ihr Selbst, sie lebte ohne Ziel. Sie fragte sich ja auch nicht, woran man merkt, dass man lebt. Sie lebte nicht mehr, wie es geschrieben steht, sondern wie sie es selbst in ihrem Tagebuch mit ihren eigenen Worten schrieb.

Bis sie sich auch von den Worten lösen konnte.

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