Eine philosophische Kurzgeschichte: „Pferde am Himmel oder die Sicherheit im Nichts“

Pferde am Himmel oder die Sicherheit im Nichts

Pferde rasen am Himmel. Wie schnelle Wolken ziehen sie vorbei. Während Luisa im Garten sitzt und ihnen zuschaut. Es werden immer mehr und sie werden schneller denn je. „Was hat das nur zu bedeuten“, dachte Luisa vor sich hin. „Die Pferde sind scheu. Ich sehe scheue Pferde am Himmel“.

Es war ihr nicht mehr seltsam, solche Dinge zu sehen. Mittlerweile hatte sie sich daran gewöhnt. In letzter Zeit kam es immer häufiger vor. Es hatte schon fast die gleiche Realität wie alles andere auch. Es war die Kraft ihrer Fantasie, die sich mit den „normalen“ Dingen nicht mehr zufrieden geben konnte. Heute waren es eben Pferde am Himmel, die ihre Realität bereicherten. Der Unterschied zu früher war nur dadurch gekennzeichnet, dass es heute legitim war, Pferde am Himmel zu sehen. Es war ein schwerer Kampf für sie, sich aus den herkömmlich denkend Bahnen zu befreien. Sie musste viel Leid ertragen, bis auch andere, wie ihre Eltern und Geschwister oder auch Freunde es akzeptieren konnten, dass sie andere Dinge sah als sie. Diese andere Sichtweise ließ sie natürlich auch anders denken. Befanden sich doch die meisten Menschen in einem Konflikt der Gegensätze, so hatte sie die Fähigkeit, die Dinge weiter zu fassen entwickelt und befand sich daher nicht in diesen engen und starren Gegensätzen von schwarz und weiß. Sie konnte sehr schnell im grauen Bereich leben und sich dort wohl fühlen. So waren die Pferde am Himmel auch ein Teil ihres grauen Bereiches, den sie zufrieden betrachten konnte. Es war zugleich auch ein geschützter Bereich, denn niemand konnte ihr die Pferde am Himmel nehmen, es sah sie ja niemand außer ihr. Da es sie nicht mehr verunsicherte, etwas zu sehen, was andere nicht sahen, konnte sie ihrem Blick genügsam nachgehen.

Die Dinge zu sehen, die aus ihr heraus wuchsen, hatte ihr schon viele schöne Momente gebracht. Augenblicke, in denen sie wirkliche Ruhe erfahren konnte, in denen die Hektik des Alltags verschwand. Durch diese Augenblicke wurde ihr die Welt zunehmend durchsichtiger und verlor damit an Tragik und Gewichtigkeit. „Alles zieht vorüber, wie die Pferde am Himmel“, das hatte sie gelernt. Das schöne war, sie konnte auch alles ziehen lassen, ohne mit ziehen zu müssen oder sich in irgendeiner Form ziehen zu lassen. Wenn keiner ihre Pferde sah, störte sie das auch nicht weiter, schließlich hat jeder etwas, das der Andere nicht sieht. Jeder hatte doch ein Geheimnis in sich, das sich nicht offenbart auch wenn viele Menschen glauben, sie könnten durch den Anderen hindurchsehen oder wüssten ganz genau wer sie waren. Dem war nicht so. Jeder sah Dinge, die der Andere nicht so sah, gar nicht sehen konnte. Jeder war in seinem Innersten mehr als er zu glauben wagte, mehr als er sich eingestehen konnte. Woher kamen sonst alle diese Dinge, die man nicht wollte, Gedanken und Handlungen, die einen einfach überkamen, mitrissen. Etwas Fremdes, ihm Unbekanntes hatte jeder in sich. Niemand konnte ein exaktes Bild von sich geben, so wie es eine Fotografie tat. Hinter jeder Beschreibung blieb noch das Unbekannte, ein Fremdes, dass den Menschen mehr trug als all das, was er wusste. Auch, wenn er noch soviel wusste oder sich Wissen angeeignet hatte. In ihm steckte noch etwas viel Größeres, Umfangreicheres, noch nie da gewesenes, dagegen waren die Pferde am Himmel gar nichts.

Heute begnügte sich Luisa mit den vorbei ziehenden Pferden. Welche Spuren der Kraft sie doch hinterließen. Sie machte ihr Mut zu neuen Taten. Ihre Gebilde machten sie nicht nur ruhig sondern auch kreativ. Da sie die Angst vor kritischen Bemerkungen schon längst abgelegt hatte, konnten sie ihrem schöpferischen Genius auch folgen. Luisa war frei, die zu sein, die sie von Natur aus war. Und so war sie wie ein Baum, mit tiefen Wurzeln in der Erde, den der schlimmste Sturm nicht umhauen konnte. Nachdem sie an der Festigkeit der Wurzeln gearbeitet hatte, arbeitete sie jetzt an ihrer Krone, der prachtvollen Erscheinung. Sie wollte kein verkümmerter Baum sein, der zwar tiefe Wurzeln hat, aber eine dürre Krone. Ein Baum sollte schließlich eine Ganzheit sein, mit allem, was von Natur aus zu ihm gehört.

Jetzt würde sich zeigen, welcher Baum sie letztendlich war, denn bei näherer kritischer Betrachtung ihrer Metapher, hatten auch verkümmerte Bäume ihr Recht auf Dasein, da auch sie zur Natur gehörten. Die Natur hatte nicht nur prächtige Bäume vorgesehen. Dass die Menschen in dieser Kultur nur prächtige Bäume lieben und ehren, war durch den kulturellen Einfluss und deren Entwicklung bedingt. Die Natur sah das ganz anders. Sie duldete alles, was sie hervorbrachte. Das war auch Luisas Ziel, zu dulden, was sie hervorbrachte und diesem in Freiheit folgen zu können. In Freiheit meinte, noch Stellung zu ihren Bedürfnissen, Trieben und Intuitionen nehmen zu können und ihnen nicht blind zu folgen, wie z.B. Hass und Töten. Diese Fähigkeit sollte sie von vielen anderen Lebewesen unterscheiden und machte ihr Schicksal aus, dass sie somit selbst in die Hand nahm.

So wurden ihr die Tage ohne Erkenntnis zu den ärmsten Tagen. Manchmal versteckte sie sich hinter den Taten und kam erst nach Tagen zu den Worten. Das Leiden zu besiegen ist eine der schwierigsten Aufgaben des Lebens, da deren Besiegung nur aus Erkenntnis besteht und damit der Loslösung vom bisherigen Denken. Der Erkenntnis seine fest gefügten Denkinhalte zu überdenken, möglicherweise zu ändern, sich zu wandeln und damit freier zu werden von festgefahrenen Gewohnheiten.

Im Grunde führten die Pferde am Himmel ins Nichts das der Ursprung von allem war und damit voller Leben und Sicherheit. Im Nichts gibt es keinen Untergang, dort sind alle Gegensätze aufgehoben. Jeglicher Gedanke, ob gut oder schlecht, kam aus dem Sein im Nichts und ging, neues Leben und neue Kraft schenkend, dorthin zurück. Das Nichts gebar immer aufs Neue. Hier ist die Freiheit grenzenlos wie der Himmel. Nur das Festhängen und die Identifizierungen mit den eigenen Gedankeninhalten machte das Leben so schwer, der Fluss des Hin- und Her wurde dadurch gestört. Der Weg zur Befreiung konnte nur der über die Pferde am Himmel oder die Sicherheit im Nichts, gehen. Im Grunde genommen waren alle Identifizierungen nichtig und so unwirklich, wie die Pferde am Himmel. In wirklicher Freiheit sind alle Gedanken wie eigene Luftblasen aber eigen müssen sie sein, eben wie die Pferde am Himmel.

Luisa ließ die Pferde, wie auch ihre Reflexionen vorbeiziehen bis zum nächsten Haltepunkt. Sie verabschiedete sich von den Pferden, denn diese hatten sie ja zu der Reflexion geführt: „Es war schön mit euch ihr Pferde aber auch ich muss weiterziehen in der Unendlichkeit des Himmels.“ Von nun an blieb sie an nichts mehr so schnell haften, der Himmel mit seinen Pferden in seiner unendlichen Weite schaltete sich immer dazwischen.

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