Eine Kurzgeschichte: Herbert’schen

Herbert‘schen stand mit geschlossenen Augen oben auf der Klippe des Meeres. Hinunter schauen konnte er nicht. Dann wäre ihm schwindlig geworden und er wäre möglicherweise noch hinunter gefallen und das wollte er eigentlich nicht. Er rief nur ständig wehleidig ins offene Meer hinaus: „Ja, muss ich denn etwas bewegen, wo es doch das Meer gibt, das sich ohne mein Zutun bewegt.“ Alle forderten sie von ihm, er müsse etwas tun. Früher war es seine Mutter, jetzt seine Frau. Unentwegt stand sie da und redete auf ihn ein: „Tue endlich etwas, so kann es nicht weiter gehen. Du treibst uns in den Ruin. Wir werden verhungern.“ Aber, was sollte Herbert’schen noch tun. Alles, was er anfasste war vom Misserfolg gezeichnet. Mit der Erfolglosigkeit kannte er sich aus. Sein Schicksal meinte es wohl nicht so gut mit ihm. Stets mühte er sich ab, war, so wie er glaubte fleißig, wenn auch nur in seinem Kummer. Er konnte anfassen, was er wollte, er brachte es zu nichts. Alle mochten ihn in seiner stets diskreten Zurückhaltung. Nein, jemand der mit marschiert war er nicht aber das machte es ihm auch so schwer. Seine Frau und auch seine Mutter redeten stets auf ihn ein, er ließe sich gehen. Dabei sah er das ganz anders. Für seine Begriffe meditierte er viel. Er hatte ständig irgendwelche Gedanken im Kopf und es bewegten ihn teils traurige Bilder, die ihn melancholisch stimmten. Er war für diese Welt nicht zu gebrauchen, so fasste er selbst sein Leben zusammen. Überall hingen Botschaften in der Luft, was man alles tun sollte und könnte. Sich um die Welt und die Geschäfte in ihr kümmern, das war ein ganz großer Aufhänger vor seinem geistigen Auge. So wie die, die ihm am nächsten standen und es auch von ihm verlangten. Aber er wollte das gar nicht.

Herbert’schen war kein Weltenbeweger und Macher im großen Stil. „Bewegt sich denn nicht alles von selbst?“ diese Frage stellte er sich unentwegt. Er konnte sie keinem anderen stellen oder zumindest kannte er keinen, dem er sie hätte stellen können. Er hätte immer nur die Antwort bekommen: „Nein, man muss etwas tun, damit sich die Welt bewegt.“ Damit implizierte jeder von sich schon eine gewisse Größe, eine Macht, die es zu erreichen galt und die ihn zum Beweger macht. Herbert’schen war da ganz anderer Ansicht. Er meinte von sich: „Ich werde bewegt und bin damit stets in Bewegung. Auch wenn diese meine Einstellung nicht in die mit Größenphantasien voll gespickte Welt passt. Ich bin ein Beweger ohne Macht. Ich unterwerfe mich der Unvorhersehbarkeit des Lebens ohne an machtvollen Ideen und deren Verwirklichung festhalten zu müssen, die mir eine scheinbare Sicherheit gewähren.“

Herbert’schen stand da sehr alleine, seine Frau wollte Sicherheiten, auch für die Kinder. Aber die standen kurz vor ihren Abschlüssen als Herbert’schen oben auf der Klippe zum Meer stand. Sie würden bald das Haus verlassen, so wie die Kinder schon immer das Elternhaus verlassen hatten. Die Geschichte ging doch immer weiter. Herbert’schen wollte sich endlich seinem wahren Leben hingeben können und das war das Leben, das ihn bewegte und nicht umgekehrt, ein Leben, das er bewegen musste. Er träumte immer vom Rentenalter. Dann war doch für alle die Zeit gekommen in der man sich den Dingen widmen konnte, die einen bewegten. Man sparte sich die Zeit in der man bewegt wurde für das Rentenalter auf. Bei Herbert’schen war das schon früher. Er war das eigentlich schon immer. Ein Erfolg in irgendeiner Sache war ihm nie zur Gefahr geworden. Wahrscheinlich sollte er die Rolle dessen spielen, der auch als stets Bewegter sein Leben fristen kann. Das genaue Gegenteil also vom Macher-Typ, wie es auch sein engster Nachbar war. Aber sie verstanden sich gut. Sie kamen sich ja nie in die Quere. Herbert’schen konnte ihn gut machen lassen. Er selbst machte immer nur, was er machen musste. Hoffte er mal auf der sicheren Seite zu sein, so wurde ihm diese Sicherheit binnen weniger Tage genommen. So hatte er die Grippe und dachte eines Morgens: „O, jetzt habe ich sie überstanden“ und erfreute sich seines wiedergewonnenen Lebens. Doch Tage später lag er wieder flach, schlimmer als vorher. Auf dem Bett der vom Menschen gemachten Sicherheit konnte er sich nicht ausruhen. „Ich bin doch nichts anderes als ein Schaf oder sonst ein Herdentier die Instinkte und Triebe lenken mich. Etwas anderes habe ich nicht. Auch die Vernunft ist nicht mehr als das. Auch sie bringt die Menschen nicht wirklich weiter, außer dass er immer wieder aufs Neue in eine Herdensituation verstrickt ist, die ihn lenkt “, das war seine Erkenntnis aus seinem Dasein.

Zunehmend lag er morgens im Bett und wollte nicht aufstehen. Dunkle Gedanken über sein unglückliches Dasein trübten jegliche freudige Aktivität. Mit niemandem konnte er darüber sprechen, erst recht nicht mit seiner Frau. Sie sagte immer nur: „Du musst etwas tun, Herbert’schen. Dann geht das weg“. Aber was sollte er schon tun. Er ließ täglich die Tiere raus. Seine Hühner und ein paar Kühe. Eine Kuh hatte jetzt gekalbt, das war eine Zeit lang sein ganzer Stolz gewesen. Aber das Kalb war jetzt größer geworden und er hatte nichts mehr, das ihm Freude bereitete. Er besaß etwas Land, das er verpachtet hatte und das ihm Geld einbrachte. Sie kamen rund aber irgendwie war es doch immer zu wenig. Er hätte sich gerne etwas dazu verdient aber womit? Er war handwerklich begabt, konnte viel. aus dem Grunde wurde er auch oft von Nachbarn um Hilfe gebeten. Aber dafür konnte er kein Geld nehmen. Das tat er gerne, denn die Nachbarn halfen ihm ja auch schon einmal. In dem Dorf, in dem er lebte, ließ keiner den anderen im Regen stehen. Das wollte er durch die Forderung von Geld für seine Arbeit nicht zerstören. Da war ihm die gegenseitige Hilfe wichtiger. Und doch hatte er immer das Gefühl, etwas stimme nicht mit ihm. Er fühlte sich nicht rund. Er war nicht ganz in dieser Welt. Besonders am Morgen war sie ihm ganz fremd und dies, auch wenn die Sonne schien. Manchmal, bei miesem Wetter, dachte er ja, es liege am Wetter. Nein, es war auch bei schönstem Sonnenschein. Er stand zwar auf und erledigte, was er tun musste aber ein dunkler Schleier trübte stets seinen Blick. Es gab kurze Augenblicke, da ging es ihm gut, insbesondere wenn er seine Lieblingskuh Bella ansah. Sie hatte einen treuen Blick und der Blick sprach mit ihm als wolle sie ihm sagen: „Nimm dir ein Beispiel an mir. Ich stehe hier im Stall oder bin auf der Weide und bin doch glücklich. Du musst dich nicht grämen. Das Leben ist schön.“ Ja Bella sagte immer zu ihm: „Das Leben ist schön“, obwohl sie doch nur das Dasein einer Kuh hatte. „Was mir die Tiere doch sagen können. Was ich von ihnen lerne, das gibt mir kein Mensch“, so schloss er in diesen Augenblicken und war wieder zufrieden. Ja, so hatte er manchmal das Gefühl, es waren die Forderungen der Menschen, die ihn so trübsinnig stimmten. Die Menschen, mit ihrem Macher- und Bewegungsdrang, mit ihrem steten Hinweis: „Du musst was bewegen, du musst etwas machen“. Gar nichts musste er. Er holte sich künftig seinen Rat bei Bella. Er glaubte an sich beobachtet zu haben, je mehr er für sich annahm, dass er etwas tun müsste, umso schlechter ging es ihm. Auch die letzten Tage war es so. Seine Frau war stets hinter ihm her und auch seine Mutter, die er schon ein Leben lang diesen Satz hatte sprechen hören, sprach auf ihn ein, so dass er es von sich selbst glaubte und sich immer mehr als ein Versager fühlte. „Ich habe versagt. Ich habe nie das Richtige getan. Ich hätte alles anders machen müssen.“ Alle sagen, es ist noch nicht zu spät, du kannst noch etwas bewirken. Aber Herbert’schen hatte den Eindruck dann niemals mehr aus diesem Hamsterrad heraus zu kommen. Das eine Bewirken kam zum anderen und er sollte „Bewirker“ werden. Er war ja aktiv, er baute hier und baute dort, reparierte die Ställe, pflasterte den Hof, reparierte seine Fahrzeuge, er tat ja etwas. Nur in den Augen der anderen tat er nicht das Richtige. Seine Fähigkeiten müsse er mehr Menschen zur Verfügung stellen und dafür Geld nehmen. Und gerade das widerstrebte ihm. Bella wollte auch nichts für die Milch die sie gab oder die Hühner für die Eier. Sie fühlen sich auch nicht machtvoll. Er meinte nur wer Macht ausübt und sich darin wohlfühlt, kann maßlos Geld verlangen. Dies schien ihm ein spezifisch menschliches Bedürfnis. Mit Macht, macht man sich unabkömmlich und diese Angewiesenheit muss bezahlt werden. Das war nicht das wahre Herbert’schen. Er war anders. Er war wie die Kuh Bella, mit der der sich eher vereinigt fühlte als mit den Menschen aber das verstanden die Menschen nicht.

Er bekam zunehmend körperliche Probleme: Kopfschmerzen, die ihn plagten; Magenbeschwerden, die ihn nichts essen ließen; Herzrasen. Nur bei seinen Tieren, da ging es ihm gut. Am liebsten hätte er im Stall bei Bella geschlafen aber dann hätte seine Frau und auch seine Mutter ihn für völlig verrückt erklärt und ihm keinerlei Respekt mehr zukommen lassen. So wurden die Menschen mit ihren Forderungen an ihn, ihm immer mehr zum größeren Feind. Er bezweifelte, dass es einen Menschen gab, der ihn verstanden hätte. An den Zeitpunkt, wenn Bella ihn einst verlassen würde und stirbt, mochte er gar nicht denken, das machte ihn noch trauriger. Er hatte immer mehr den Eindruck, den Tieren nichts tun zu können, selbst Fliegen oder Wespen konnte er nicht töten. Denn Tiere waren für ihn die freieren und besseren Menschen und damit seine Vorbilder. Seine Haustiere brachten sich alle nicht gegenseitig um oder taten sich sonst etwas. Fliegen und Wespen zählte er zu den Haustieren. Sie lebten alle friedlich zusammen in einer Gemeinschaft, der eine passte auf den anderen auf. Dies war auch bei Hund und Katze so. Sie lebten friedlich zusammen und manchmal hatte er den Eindruck, sie liebten sich sogar. Herbert’schen fühlte sich in dieser Gemeinschaft wohl. Die Menschen, auch seine Frau und seine Mutter, waren ihm dagegen zu Raubtieren geworden. Seine Kinder mussten tun, was Mutter und Oma sagten. Der Vater war eigentlich nur nebenbei geduldet. Die Kinder sollten auch Raubtiere werden, da man durch die Lebensart wohl die besten Überlebenschancen hat. So glaubten sie. Herbert’schen konnte nicht so glauben, auch wenn er es gewollt hätte, er konnte nicht. Er würde mit seiner Tiergemeinschaft untergehen, von den Raubtieren erlegt.

Raubtiere passten nicht in seine Gemeinschaft. Die musste er stets versuchen fern zu halten und abzuwehren, sonst hätten sie ihm seine Tiere und damit seine Würde geraubt. Er gab alles dafür, in seiner Gemeinschaft zu leben und sie aufrecht zu erhalten. In der Gemeinschaft, in der niemand dem anderen etwas tat und wo jeder seine natürliche Aufgabe zum Erhalt der Gemeinschaft beiträgt. Hier waren sich auch Hund und Katze treu. Außerhalb der Gemeinschaft war das nichts so, das wusste Herbert’schen, denn sein Hund jagte die Katze des Nachbarn. Aber für ihn zählte die Gemeinschaft und das Zusammenleben in ihr. Hier hatte die Natur für andere Regeln gesorgt. Das waren Regeln, die Herbert’schen am Herzen lagen und ihm gefielen. So sorgte der Hund auch dafür, dass die Hühner nicht geraubt wurden, die er in freier Natur selbst geraubt hätte. Je mehr er das beobachtete und die Natur in dieser Gemeinschaft erkannte, auch die seine, umso mehr fühlte er sich an sie gebunden und wollte sie auf keinem Fall aufgeben. Er war verantwortlich für den Erhalt dieser kleinen Lebenszelle. Und das faszinierende daran war, sie regelte sich von selbst. Das Gras und Getreide, das er auch zu seiner Gemeinschaft zählte, wuchs von selbst. Er musste das Getreide nur säen. Dies und die Tiere waren der Grundpfeiler seiner Gemeinschaft und deren Erhalt. Er wollte nichts anders. Alles andere, schon die Forderungen daran, machten ihn krank. Die, die ein anderes Leben, das des Bewirken Müssens und der Machtausübung, von ihm forderten, waren für ihn Raubtiere, vor denen er sich schützen und die er abwehren musste. Dies tat er indem er stets krank wurde. Krankheit schützte ihn, sich fressen zu lassen. Dies aber auch nur bei den Menschen, denn das unterschied als einziges den Raub-Menschen vom Raub-Tier: er fraß nicht als erstes das kranke Tier, sondern er sonderte es als untauglich für seine Zwecke aus. Wer krank war, war für die menschlichen Zwecke nicht geeignet und wurde isoliert „aufbewahrt“ bis zur Genesung oder er war ganz untauglich für die Menschheit geworden. In Herbert’schens Gemeinschaft war das anders. Als die Katze eine Verletzung auf dem Rücken hatte, irgendein Tier, vielleicht ein Mader, außerhalb der Gemeinschaft, hatte sie wohl gebissen, hat der Hund sie so lange geleckt, bis sie wieder gesund war. Das war insofern gut, denn die Katze kam an diese Stelle nicht. So leckte auch Bella ihm oft seine Wunden. Sie spürte seinen Kopfschmerz und leckte ihm die Glatze bis er lachen musste und sein Schmerz verging schlagartig. Tiere spüren besser als Menschen, so fühlte er sich.

Herbert’schen wusste, dass er sich durch seine ständigen Erkrankungen bei seiner Frau nicht beliebter machte; aber sie musste es hinnehmen und während dieser Zeiten war Ruhe im Haus. Es gab keinerlei Auseinandersetzungen und Vorwürfe, dass er nichts tat. Dabei brauchte Herbert’schen das alles gar nicht, was seine Frau meinte brauchen zu müssen. Das was, seine Tiere und das Land einbrachten war genug zum Leben aber seine Frau und auch seine Mutter wollten mehr, immer mehr, das gab das Land und auch die Tiere nicht her also sollte Herbert’schen dafür sorgen.

Eines Tages aber, war sein Entschluss so fest, er tat es nicht, denn er war glücklich wie er lebte, abgesehen von den Menschen, die ihn umgaben. Immer, wenn seine Frau ihn jetzt bedrängte sagte er willensfest: “ Vergiss es! Du kannst ja gehen und dir ein besseres Leben in der Stadt suchen. Ich bleibe hier. Das hier ist mein Leben.“ Es fiel ihm schwer das zu sagen aber er musste es tun für ihrer beider Wohl. Es hatte sich das sehr überlegt. Mit seiner Mutter alleine würde er schon klar kommen. Sie wurde älter und ruhiger, da sie zunehmend durch ihre körperliche Gebrechlichkeit auf ihn angewiesen war. Die Worte waren seiner Frau ein Pfeil ins Herz. Erst jetzt konnte sie erkennen, dass sie überhaupt noch ein Herz hatte. Früher hatten sie sich geliebt und waren sich stets einig in ihrem Leben auf dem Hof. Durch die Kinder und den Kontakt mit den vielen anderen Müttern und Vätern, teilweise auch aus der Stadt, hatte sie sich verändert und wollte plötzlich auch ihn verändern. Sie wollte plötzlich das Leben, dass alle ihre sogenannten Freundinnen auch lebten. Sie trug immer die neueste Mode, die Möbel im Hause wurden alle Jahre gewechselt. Seit langem wollten sie und die Kinder einen Pool, weil Kretschmanns auch einen hatten. Herbert‘schen sagte, sie sollten rüber zu den Kretschmanns gehen und dort sich im Pool vergnügen. Nein, jeder braucht doch seinen eigenen Pool. Das war nicht mehr Herbert’schens Leben und auch nicht mehr die Frau, die er einst geheiratet hatte. Sie lebten sich auseinander ohne es zu wollen. Jetzt standen sie vor einem Haufen voller Scherben. Er hatte seiner Frau klar und deutlich gesagt, dass er auf ihre Anwesenheit keinen Wert mehr legt, jedenfalls so nicht. Das schlimme war, die Kinder hatten es mitbekommen. Jetzt war der Haussegen völlig schief. Früher hatte er die Funktion des Sündenbocks eingenommen, da er für das unbefriedigende Leben seiner Frau verantwortlich war. Jetzt hatte er ihr die Verantwortung für ihr Leben gegeben und sie musste jetzt sehen, wie sie damit fertig wurde. Die drei Töchter, jeweils ein Jahr auseinander, würden wahrscheinlich mit ihr gehen. Die Älteste war gerade 18 Jahre alt geworden, stand kurz vor dem Abitur und wollte in einer anderen Stadt, entfernt von zuhause, studieren. Die Mittlere hing der Mutter stets am Rockzipfel und tat alles, was diese ihr sagte. So schlug sie wahrscheinlich auch auf den Rat der Mutter den Weg als Erzieherin in einem nahe gelegenen Kindergarten zu arbeiten, ein. Die Jüngere war die pfiffigste von allen, hätte auch ein Junge sein können. Sie hatte vor nichts Angst. Es war die einzige, die ihm auch schon einmal bei der Arbeit half. Ansonsten musste er stets alles alleine machen. Alle drei saßen sie da und starrten ihren Vater an. So hatten sie ihn noch nie gesehen, noch weniger gehört. Dass er überhaupt einmal etwas sagte, glich schon einem Wunder. Ihnen schien, aus Herbert’schen, wie ihn alle nannten, war Herbert geworden. Er kam ihnen wie verwandelt vor. Herbert’schen schien als hätten sie plötzlich mehr Respekt vor ihm bekommen. Darum legte er auch noch etwas nach: „Entscheide dich bitte schnell. So möchte ich nicht länger hier mit dir leben,“ sage er zu seiner Frau. Jetzt war für ihn endlich die Entscheidung gefallen. Er musste nicht mehr traurig und melancholisch um sein missratenes Leben sein. Jetzt, gerade jetzt, hatte er sich für dieses Leben entschieden und wollte kein anderes, dass ihm etwas Besseres versprach. Für ihn gab es nichts Besseres als Bella und die anderen Tiere. Jetzt musste er nicht mehr auf die Klippe steigen und sich das bewegende Meer anschauen. Jetzt war er selbst in Bewegung und akzeptierte seine eigene Bewegung. Im Gegensatz zu seiner Frau. Sie musste sich noch bewegen lassen und suchte stets nach neuer Anregung, die sie für Augenblicke befriedigen sollte. Sie hatte ihr Leben nicht gefunden. Aber sie konnte Herbert’schen nicht Leid tun. Sie musste ihren Weg gehen auch, wenn sie von ihm gehen würde. Sie hatte ihm bisher Leid getan und das war auch der Grund warum er nie etwas sagte. Er konnte sie verstehen, ihr aber den Mann nicht bieten, den sie, mit ihrer Entwicklung, brauchte. Sie würde es schwer haben, denn sie hatte ihren Beruf, sie war Kinderkrankenschwester, 18 Jahre nicht ausgeübt. In dieser Zeit hatte sie eigentlich mehr ihn fordernd gelebt, als dass sie sich selbst gefordert hätte. Der Scherbenhaufen war jetzt groß für sie. Das hätte sie ihrem Mann Herbert‘schen nie zugetraut. Erstmalig in ihrem Leben hatte er sich konsequent von ihr abgewendet und „Nein“ gesagt. Das kannte sie von ihm nicht und machte sie zugleich neidisch. Er war in der Lage, sich für sein Leben zu entscheiden. Das war sie nicht. Im Gegensatz zu ihm, hatte sie kein Leben. Sie schwamm in dem Meer der Menschenmassen stets mit dem Strom, mühte sich ab und wusste nicht wofür. Eine eigene Bewegung in sich zu spüren, davon war sie weit entfernt. Sie ließ sich nur von außen bewegen, so wie es alle machten in ihrem Kreis. Den Halt den sie sich durch ihr Leben angeeignete hatte war künstlich und innerlich wertlos, da er sich auf Äußerlichkeiten beschränkte. Jetzt spürte sie erstmalig ihr Innerstes wieder. Ihr Herz hatte einen Faustschlag bekommen. Das Herz, dass sie Jahre lang ausgeblendet hatte für Äußerlichkeiten, bekam jetzt Angst. Jetzt schien es sich vor Schmerz zu regen und sie wusste plötzlich nichts mehr. Erstmalig war sie stumm geworden. Stumm als wäre sie bewusstlos. Ihre Bewegung war auf Äußeres, auf Antrieb von außen angewiesen, dafür hatte sie ihr Innerstes, ihr Herz ausgeschaltet. Jetzt fühlte sie sich wie zerrissen. Zerrissen in innen und außen. Jetzt begann sie Herbert’schen zu hassen. Zu hassen für etwas, dass sie in ihrer Zeit nicht geschafft hatte, nämlich ihr eigenes Herz zu spüren und zu wahren. Stattdessen begann sie die Ausschweifungen in die glamouröse und damit verführerische Welt zu verherrlichen. Sie begann all das zu wollen, was „man“ tat, was gerade angesagt war um sich positiv in ein Gespräch einbringen zu können. Der fortschrittliche Mensch definierte sich schließlich an der Teilhabe an einem Trend. Jetzt war in ihr etwas nicht mehr so selbstverständlich wie vorher. Sie würde ihren Mann verlieren, wollte sie so weiter leben. Das wurde ihr klar, denn er akzeptierte sie nicht mehr so, wie sie war. Hatte sie ihren Mann in all den letzten Jahren noch geliebt? Oder war er auch nur Fassade, so wie all die Dinge in ihrem Leben Fassade waren? War sie der wirklichen Liebe, so wie sie sie früher einmal empfunden hatte noch fähig, oder konnte sie nur noch die materielle und damit oberflächliche Fassade lieben? All diese Fragen gingen ihr plötzlich durch den Kopf. Die Gedanken, die angeregt wurden durch einen äußerst schmerzhaften Pfeil ins Herz. Wenigstens konnte sie den Schmerz noch spüren. Sie schien also nicht ganz verloren, so glaubte sie.

Sie sprachen den Tag über nicht mehr miteinander. Sie ließen die Scherben, die zerschlagen dort lagen, liegen. Herbert’schen ging es besser. Er hatte sich für sein Leben entschieden, auch wenn es für niemanden nachvollziehbar war. Er ging in den Stall zu Bella und erzählte ihr, dass er sich künftig noch mehr um sie kümmern wollte. Er ging auch zu den Hühnern und versprach ihnen mehr Zuwendung. Er überlegte, sich noch ein kleines Schwein anzuschaffen. Ein Schwein, das frei über den Hof laufen konnte. Er wollte seine Gemeinschaft vergrößern. Jetzt, wo er seinen Willen Kund getan hatte, fühlte er sich auch stark genug, mehr zu fordern.

Am Abend waren sie zu einer Geburtstagsfeier im Dorf eingeladen. Da Herbert’schen selten zu solchen Feiern mitging, tat er es auch diesmal nicht. Seine Frau ging, wie so oft, alleine hin. Ihr war etwas unwohl aufgrund des Tatbestandes, dass zuhause noch diese unaufgeräumten Scherben herum lagen. Aber diesmal kümmerte sie sich nicht darum und ging hin. Sie sprach mit niemandem über den Vorfall. Sie war, wie sie immer war. Nur eines war anders, sie fühlte sich im Herzen freier für eine neue Beziehung. Das hatte sie bisher nicht. Mit dieser Freiheit im Herzen, das jetzt ein Loch hatte, das gestopft werden musste, ging sie auch auf einen Mann zu, von dem sie wusste, dass er seine Frau durch eine Krankheit verloren hatte. Sie unterhielt sich den ganzen Abend angeregt mit ihm. Er hatte ein Elektrofachgeschäft im nahe gelegenen Einkaufscenter, interessierte sich für Fußball und Autos, schlenderte aber auch gerne durch die Einkaufsstraßen der Stadt. Er hatte alles, was Herbert’schen nicht hatte und sie spürte, dass sie sich von diesem Mann angezogen fühlte. Er konnte ihren Riss im Herzen bereits an diesem anregenden Abend zunehmend heilen. Das war dann auch das Ende ihrer Ehe mit Herbert’schen und dem Leben auf dem Hof.

Es dauerte nicht lange und sie zog zu dem neuen Mann. Die Kinder nahm sie mit, bis auf die Älteste. Sie zog es vor, sich ein eigenes Zimmer zu suchen und dort so lange zu bleiben, bis sie ganz weg zog. Sie hatten es gut in dem großen Haus. Sie lebten jetzt das Leben, von dem sie schon immer geträumt hatten. Der Pool war auch in der Planung. Der neue Mann war fleißig und verdiente viel Geld. Sie konnte ihm im Geschäft helfen, was sie gerne tat und ihr auch Bestätigung gab. Ihr Herz spürte sie nicht mehr. Sie fühlte sich aufgrund dessen geheilt. Sie lebte ja in einer heilen Welt. Einer Welt, in der sie jetzt endlich mithalten konnte.

Er schaffte sich noch zwei kleine Schweine an und erweiterte damit seine Gemeinschaft. Was sich änderte war, dass er für seine Familie und alle anderen jetzt Herbert genannt wurde und nicht mehr Herbert‘schen. Er lebte ein sehr zufriedenes Dasein, das ihn mehr in der Mitte sein ließ. Seine bereits an Alter betagte Mutter, sagte nichts mehr. Auch sie schien alles akzeptiert zu haben, wie es war obwohl sie seinen Namen vergessen hatte oder gerade deswegen, hatte sie keinen Grund mehr am Leben etwas auszusetzen. Und Bella gebar ihm, vor ihrem glücklichen Tod, noch einige Kälber, die er ebenso lieb gewonnen hatte wie sie.

So hatte eine Entscheidung, die aus der Tiefe von Herbert‘schens Seele geboren war, das Leben aller Beteiligten verändert. Diese Bewegung kam ausschließlich aus Herbert’schens Seele. Er fühlte sich jetzt dem Meere, das auch aus seiner innersten Bewegung lebt, gleich. Das Meer wurde nicht mehr zur Sehnsucht. Er hatte erkannt, dass er das Meer in sich hatte und ließ sich nun bewusster von sich selbst tragen und bewegen, mit allen Fehlern und Risiken, die das Leben in sich barg. Fehler waren normal für ein individuelles Leben. Sie kennzeichnete es sogar aus und mussten nicht verborgen oder vertuscht werden. Herbert wurde freier sein eigenes Leben zu leben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s